Reportage: Fertigung eines Hausbootes | SELBER MACHEN Heimwerkermagazin
Hausboot

Reportage: Fertigung eines Hausbootes

Gerade mal 9,6 x 4,5 m groß, zwei Etagen und 25 PS: Auf der Ostseeinsel Fehmarn nimmt der Traum von einem Hausboot Gestalt an. Bootsbauer und Tischler bauen den Ferienspaß für jedermann.

 
Hausboot © Selbermachen
Hausboot "Tammy"

Der 16. Juli ist ein Tag, den man sich im Kalender anstreichen kann. Vor mehr als vierzig Jahren, 1969, stieg an diesem Tag eine Saturn-V-Rakete in den Himmel und brachte drei Astronauten zum Mond. Zwei von ihnen landeten vier Tage später auf dem Erdtrabanten. Am 16. Juli 2010 wurde im Hafen von Lübeck ein Hausboot in das Wasser des Flusses Trave gesetzt. Von einem 25-PS-Außenbordmotor japanischer Bauart angetrieben, drehte das Boot ein paar putzmuntere Kurven, um am Steg der Hansa-Marina vor einer Gruppe Feiergäste anzulegen und von einer reizenden Patin, Andrea Gastager, der Marketingchefin von Lübeck und Travemünde, auf den Namen „Tammy“ getauft zu werden.

Wie „Tammy“ da liegt, ein kleines Haus aus weißen Holzbohlen, eine Laube fast, mit einem kleinen Vordeck mit Fahrstand, eimergroßen Pollern und der Leiter aus wetterfest imprägnierten blassgrünen Kanthölzern, die steil wie auf jedem Boot auf das Sonnendeck führt, wie Tammy da liegt, im Schatten hoch aufragender mehrgeschossiger Millionärsyachten aus Hightechkunststoff, stellt sie etwas Bemerkenswertes dar. Dieses Schiff mit Haus drauf hat etwas von einer Zeitmaschine. Das helle Hausboot mit zwei rechteckigen Fenstern, zwei bodentiefen Terrassentüren und der hölzernen Terrassenreling auf dem Dach führt zurück in die frühen sechziger Jahre, eine Zeit, die noch heil, in der die Familien noch eins waren. „Tammy“ ist eine fast 43 qm große Sehnsucht auf zwei Schwimmern. Ein anderer Name als nach dem Fernsehserienstar der 1960er Jahre, „Tammy, das Mädchen vom Hausboot“, kam für Eigner Wolfgang Seitz nicht infrage. Ein schwimmendes Haus wie dieses konnte nur so heißen.

Jachtbauer Michael Peters, der „Tammy“ mit seinem Bootsbetrieb, dem Yachthandel Dübe in einer Halle im Lübecker Hafen gebaut hat und auch ihre Nachfolger zu Wasser bringen wird, sieht das genauso: „Gegen all die Jachten, die wir heutzutage bauen, ist dieses Hausboot ein echtes Retro-Teil, das aber die Stimmung der Zeit trifft: Statt immer größer, immer luxuriöser, ist es schnuckelig klein, einfach im Gebrauch. Nichts für die offene See, aber für den Küstenbereich, für Fluss- und Kanaltouren genau das Richtige, ein Hausboot, das man an die idyllischsten Ufer steuert. Dann heißt es, Anker werfen, das Leben genießen.“

Von dieser grandiosen Einfachheit ist auch die Bauart des Hausboots geprägt. Peters bekommt eine Art Bausatz aus Schweden, dazu zählen die Schwimmer ebenso wie die Spanplatten für Boden und Dach und die 4,5 cm starken massiven Blockbohlen, aus denen die Wände gezimmert werden, bis hin zum „Slagkloss“, wie es auf Schwedisch heißt, den Schlagklotz, mit dem die Holzbohlen ineinander getrieben werden. Astreine Zimmermannskunst, für die Michael Peters auch Zimmerleute anheuert, die sich auf Holz verstehen.

Hausbootbau mit Schlagholz

Die massiven Bohlen werden in Schweden vorgefertigt, das heißt auf Länge geschnitten, an den Flanken gerundet, mit Nut und Feder eingefräst und mit Schlitzen und Zapfen versehen. In der Fertigungshalle im Lübecker Hafen machen sich die Zimmerleute an die Montage. Die mehrfach lackierten und mit einem Antifoulinganstrich versehenen Stahlschwimmer, die für die Fahrtüchtigkeit eine schräge Front wie ein Schiffsbug haben, werden mit den Decksplatten aus wasserbeständig imprägniertem Schichtholz verschraubt. Dann schwingen die Schreiner die Klüpfel, bauen die Außenwände und einen Kajütraum, der als Schlafzimmer dienen kann, aus den Blockbohlen auf, mit außen überstehenden Stegen, die dem Ganzen einen Blockhauscharakter geben. Bevor die Dachplatten aufgesetzt werden und eine große Sonnenterrasse entsteht, bekommt das Hausboot eine Isolierung und eine Bedachung aus Profilblechen, aus deren Rinnen das anfallende Regenwasser ablaufen kann. Wetterfest wird das ganze Hausboot durch eine weiße Holzschutzlasur. Die bange Frage eines Laien, ob sich Holz auf Wasser denn hält, beantwortet Peters mit der langjährigen Erfahrung des Bootsbauers: „Ob als Haus oder als Boot: Holz hält hundert Jahre. Mindestens. Und die Balken unter dem Haus sind druckimprägniert, die können gar nicht faulen.“

Die Fenster in den Bootswänden sind, obwohl sie Seefahrerromantik verbreiten, keine Bullaugen wie im schwedischen Original, das als Modell „Tramp 960“ bekannt ist. „Wir wollten, dass es auch innen schön sonnig ist und nicht dunkel wie in der Räuberhöhle“, erzählt Peters, „und haben uns deshalb für richtige Flächenfenster und -türen entschieden.“ Dafür hat die Tür in die Kajüte ein stilechtes Bullauge. Das Deck am Heck des Hausboots ist für die Decksleute, die sich um den Außenbordmotor und den Kraftstoff kümmern, gerade groß genug, oder es dient allen als Sprungplattform ins Wasser. Groß genug für Sonnenbader und Wasserratten ist auch das Deck am Bug des Hausboots, das nur zum Teil vom Ruderstand eingenommen wird. Hier ragen auch die Doppelpoller durch die Decksbeplankung, die mit dem stählernen Schwimmunterbau verschweißt sind. Vom Bugdeck geht es über die Bootsleiter zum Oberdeck, das für eine einzigen Zweck gedacht ist: Relaxen unter freiem Himmel.

© SelbermachenLebenslust hat in dem Hausboot ein denkbar einfaches Gefährt gefunden, dem weder Luxus noch Überfluss eigen sind, dafür aber die Idee, etwas Praktisches und Schönes in die Welt zu bringen, was mit normalem Budget erreichbar ist. Die Yacht der kleinen Leute also? Nicht nur, sagt Eigner Wolfgang Seitz, auch der Traum von Freiheit und naturnahem Abenteuer.

Erstbesteller Seitz, der in Lübeck einen Bootscharterservice betreibt und bisher ein Kajütboot an jedermann vermietet, ist sich sicher, dass sein Hausboot ein Erfolgsmodell wird. Denn mit einer Wochencharter zwischen 700 und 800 Euro in der Hochsaison ist ein Hausboot wie Tammy nicht teurer als eine normal ausgestattete Ferienwohnung, bietet dafür aber die unvergleichliche Möglichkeit, die Ferienunterkunft überall dorthin zu steuern, wo es schön ist. „Die Reviere für Ferienbinnenschifffahrt sind einfach toll! Elbe-Lübeck- Kanal, Trave, Havel, das Seengebiet der Müritz, Ijsselmeer in Holland ...“

Dann können vier Personen zusammen auf Schipperfahrt gehen. Wer das Hausboot für eine Tagesfahrt mieten möchte, bietet sich und seinen Gästen, sei es zum Feiern, sei es um eine Konferenz abzuhalten, einen unvergleichlichen Platz, der seinen Ort nach Lust und Wellenschlag wechseln kann.

Hausboot-Vermieter Wolfgang Seitz empfiehlt seine Tammy nicht nur für die Sommerferien, sondern auch für den Silvesterabend, Liegeplatz Travemünde. Dann steht man um Mitternacht auf dem Oberdeck, blinzelt in den Nachthimmel und schaut den Raketen nach. Oder zum Mond. Womit sich der Kreis schließt, ohne dass man um allzu viele Ecken denken muss, zu den Ereignissen des 16. Juli. Dem Tag, an dem Apollo 11 startete und „Tammy“, das Hausboot, zu Wasser gelassen wurde.

Weitere Infos:

Dübe GmbH Yachthandel/-service | Telefon (04371) 609010 | www.duebe.de

BootCharter Lübeck | Telefon (01 71) 8 31 53 65 | www.bootcharter-luebeck.de

  1. Schwimmer aus Stahl© Selbermachen

    Schwimmer aus Stahl

    Die beiden Schwimmer aus Stahl sind strömungsoptimal geformt. An den geschweißten Stahllaschen werden die Decksbalken festgeschraubt.
  2. Trägerbalken© Selbermachen

    Trägerbalken

    Die Trägerbalken sichern die Statik, indem sie aufrecht fixiert werden. Sie können nicht durchbiegen und tragen das Gewicht des Hausboots.
  3. Unterbau© Selbermachen

    Unterbau

    Der Unterbau des Hausboots mit den Planken ist verrottungsresistent ausgerüstet – wichtig, da es hier immer wieder Kontakt zum Wasser gibt.
  4. Kajütwände© Selbermachen

    Kajütwände

    Die Kajütwände sind aus Massivholz und im Stecksystem konfektioniert. Die Teile werden mit dem Klüpfel zusammengetrieben und genagelt.
  5. Klüpfel und Schlagklotz© Selbermachen

    Klüpfel und Schlagklotz

    Traditionelles Tischlerwerkzeug kommt beim Hausboot zum Einsatz: Klüpfel und ein Schlagklotz
  6. Michael Peters und Wolfgang Seitz© Selbermachen

    Michael Peters und Wolfgang Seitz

    Zwei Mann, ein Boot: Jachtbauer Michael Peters (links) und Eigner Wolfgang Seitz posieren mit dem „Tramp 960“ im Hafen von Lübeck.
  7. Schlagklotz zur Sicherheit© Selbermachen

    Schlagklotz zur Sicherheit

    Die Feder muss heil bleiben, deshalb setzt Zimmermann Andreas Decker den Schlagklotz auf, um nicht auf das vorgefräste Bauteil zu schlagen.
  8. Hausdach gleich Oberdeck© Selbermachen

    Hausdach gleich Oberdeck

    Das Hausdach trägt das Oberdeck, deshalb ist es flach konstruiert und liegt auf aufrechten Lagerhölzern. Jörn Wohler misst die Platten ein.
  9. Vordeck© Selbermachen

    Vordeck

    Das Vordeck wird beplankt. Auf die aufrechten Decksbalken werden die Planken direkt aufgeschraubt, die Poller zum Festmachen ausgespart.
  10. Tramp© Selbermachen

    Tramp

    Auf dem Trockenen und wettergeschützt wurde der „Tramp“ in einer Halle im Lübecker Hafen zusammengebaut.
  11. Hausboot wird ins Wasser gelassen© Selbermachen

    Hausboot wird ins Wasser gelassen

    Wasserung statt Stapellauf: Leichte Schiffe wie das Hausboot, zur Taufzeit gut 5 t schwer, kommen mit Hilfe eines Krans zu Wasser.
  12. Schiffstaufe© Selbermachen

    Schiffstaufe

    Hauptsache nass: Sekt kommt bei der Taufe zum Einsatz. Aus Vorsicht und mangels Bug wird die Flasche geschüttelt und nicht geschleudert.
  13. Hausboot wird auf "Tammy" getauft© Selbermachen

    Hausboot wird auf "Tammy" getauft

    Tammy ist wieder da! Namensgeberin ist das „Mädchen vom Hausboot“ aus der US-Fernsehserie der 1960er. Peters und Seitz kleben die Lettern.

Innen: sparsam, aber effizient

© SelbermachenDen Innenausbau hat Bootsexperte Peters gegenüber der schwedischen Grundbauart optimiert. Eine Küchenzeile mit Gasherd, Spüle, Dunstabzug und Hängeschränken bildet eine Pantry, in der eine komplette Hauswirtschaft möglich ist, die Böden werden mit einem Laminatboden und PVC feuchtigkeitstauglich ausgerüstet. Im Heckbereich installiert das Team von Michael Peters an Backbord eine Duschkabine und an Steuerbord, anders als die schwedischen Bootsbauer, die hier ein Chemie-WC anbieten, eine veritable Toilette. Die Abwässer werden in einen Tank unter dem Bootsdeck geleitet.

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