Seifenkisten-rennen in Husum | SELBER MACHEN Heimwerkermagazin
Seifenkisten

Seifenkisten-rennen in Husum

Wer glaubt, rostiger Kaninchendraht und alte Zeitungen taugen nur zur Aufzucht langohriger Mümmelmänner, der irrt. Man kann damit auch klasse Rennen fahren. Wir waren bei einem Seifenkistenrennen in Husum dabei.

 
Feuerblitz © Selbermachen
Feuerblitz

© SelbermachenDer „Feuerblitz“ macht seinem Namen alle Ehre. Mit einer Geschwindigkeit von 64 km/h rast die Seifenkiste mit der Startnummer 9 an der Reihe der jubelnden Zuschauer vorbei. Am Lenker sitzt der 10-jährige Cyriak. Mit höchster Konzentration und eisernen Nerven steuert er sein Gefährt über die 300 m lange Rennstrecke. Was er in diesem Moment noch nicht weiß: die 16,97 Sekunden, die er benötigt, werden ihn am Ende des Tages auf den 1. Platz und in den Besitz eines glänzenden Pokals bringen.

Dass ein Fahrzeug aus Draht und Pappmaschee derartig schnell ist, nur durch eine kleine Rampe beschleunigt, nötigt größten Respekt für die Konstrukteure und Erbauer ab. Und das sind bei den meisten Teilnehmern die Väter der Fahrer. Cyriaks Papa baute den Renner in etwa einer Woche ganz ohne Vorlage. Der Elektriker aus Schwabstedt: „Das Geheimnis liegt in den Reifen. Die habe ich von meinem Strandsegler genommen und nutze sie so doppelt. Die laufen so gut, dass wir schon bei vier Rennen den 1. Platz erreichten.“

Ansonsten wurden nur Reste verbaut, wie etwa ein Paar alter Turnschuhe. Mit etwas Sperrholz und Montageschaum ergaben sie das wohl auffälligste Detail dieser Seifenkiste: die Bremse. Sie greift durch die Bodenplatte und wirkt direkt auf die Fahrbahn. Wenn sie in Aktion tritt, fühlt man sich an Fred Feuerstein erinnert.

© SelbermachenJens Jesse, der Veranstalter, ist hellauf begeistert: „Unglaublich, wie viel Mühe sich die Leute gemacht haben. In jeder einzelnen Seifenkiste stecken richtig Zeit und Kreativität.“ Der Besitzer eines Reisebüros in Husum plante zunächst nur einen kleinen PR-Gag für die Einkaufspassage Rote Pforte.

© Selbermachen„Zufällig habe ich entdeckt, dass 1990 bereits ein Seifenkistenrennen hier stattfand“, so Jens Jesse, „und das war ein Riesenerfolg.“ Schnell waren die anderen Ladenbesitzer für die Sache begeistert und einige Sponsoren gewonnen. Mit der Blaskapelle der Freiwilligen Feuerwehr und zahlreichen Buden, die Bratwürstchen, Kaffee und Kuchen sowie andere Leckereien anboten, wurde ein richtiges Volksfest daraus, das Einheimische und Touristen in seinen Bann zog. © SelbermachenZehn Rennfahrer im Alter zwischen sechs und vierzehn Jahren führten stolz ihre Vehikel vor. Dabei wurde wirklich alles verbaut, was Papa in irgend einer Ecke finden konnte. Kaum jemand benutzte extra gekaufte Reifen (gibt es im Internet): Alte Go- Karts, Kinderwagen und ausgediente Rollstühle wurden demontiert. Dazu kamen dann noch etwas Draht und Sperrholz.

Das Leichtgewicht

© SelbermachenDer neunjährige Frerk in seiner Seifenkiste. Mit einem Gewicht von 5 kg brachte sie ihm den Pokal in der Wertung „leichteste Seifenkiste“ und mit 63 km/h immerhin Platz 2 im Geschwindigkeitslauf. Sein Vater, ein Landwirt aus der Gegend, baute das Gefährt aus der Rückwand eines alten Schranks. Die weiteren Teile mussten zwei rostige Kinderfahrräder hergeben. © SelbermachenDass dabei die Sicherheit eine wichtige Rolle spielte, zeigen Details wie der Überrollbügel. Auch die Lenkeinrichtung aus Stahldraht macht einen soliden Eindruck. Desgleichen die Backenbremse die auf eines der Hinterräder wirkt. Technisch wurde zwar kein Neuland beschritten, doch ist man mit dem Altbewährten auf sicherem Boden.

Schumi’s Nachwuchs

© SelbermachenDie so gebauten Gefährte brachten es an der Westküste problemlos auf 60 km/h. Trotzdem wurden alle sicher von den jungen Fahrern über die Ziellinie gesteuert, ohne einen einzigen Unfall. Respekt!

Neben dem Geschwindigkeitswettbewerb gab es noch die Prämierungen der schönsten, der leichtesten und der originellsten Seifenkiste. Letzterer ging eindeutig an das Fahrzeug mit der Doppelnummer 6 und 8: Der Dreisitzer, gesteuert von der kleinen Lucy-Marie aus Husum zusammen mit zwei Freundinnen, hatte exzentrisch angebrachte Hinterräder aus Sperrholz. Damit war zwar kein Rennen zu gewinnen, das gleichzeitige Auf und Ab ergab aber einen zusätzlichen Spaßfaktor. Handbremse und Lenkung fanden sich mittig und erhöhten die Eigenwilligkeit der Konstruktion, dem Werk von zwei Bastelabenden.

Und wie kommen die Seifenkisten wieder zurück? Per Muskelkraft natürlich! Beim Rückschiebewettbewerb werden die Kisten von den Erwachsenen bergan in Richtung der Rampe geschoben. Wer die längste Strecke zurücklegt, hat gewonnen. Zwei Hürden galt es dabei zu nehmen: Erstens durften die Großen nicht übertreten, zweitens musste der Fahrer im richtigen Moment die Bremse ziehen, sonst rollte er gnadenlos auf der abschüssigen Strecke zurück.

Mit einer Strecke von 42,48 m ging dieser Pokal, der letzte des Tages, an den Pappmaschee- Boliden von Cyriak mit der Startnummer 9.

„Das war ein sehr schöner Tag“, resümiert Jens Jesse, „und ein toller Erfolg. Wir werden das nächstes Jahr wieder machen.“ © Selbermachen Nur strahlende Sieger.Erschöpft, aber überglücklich werden die Preise präsentiert.

© SelbermachenHenrick Johannsen mit Papa.Der Tischler aus Osterfeld baute die Seifenkiste aus MDF-PLatten. Die Reifen stammen von einem Kettcar. Bauzeit: 70 Stunden. Spitzengeschwindigkeit: 58 km/h.

© SelbermachenMit Handycap: Das Fahrzeug benötigt drei Fahrerinnen: Vorne zum Schreien, hinten zum Beten, und in der Mitte wird gelenkt und gebremst. Die Konstruktion aus Kistenholz erreichte 44 km/h.

Rückschiebewettbewerb

© Selbermachen© SelbermachenZurück zum Ziel - Erst einmal ordentlich Schwung holen, dann zeigte sich, welche Seifenkiste die besseren Kugellager hat und am ausgewogensten konstruiert ist.

Das Messergebnis wurde mit äußerster Gewissenhaftigkeit festgestellt.

Artikel aus selber machen Ausgabe 03/2012. Jetzt abonnieren!
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