Wildschweine in der Stadt | SELBER MACHEN Heimwerkermagazin
Wildschweine

Wildschweine in der Stadt

Immer öfter suchen Wildtiere die Nähe des Menschen, weil dort das Nahrungsangebot groß und leicht zugänglich ist. Halten sich Reh und Waschbär noch zurück, sind Wildschweine auch am Rande von Großstädten immer häufiger Gast im Garten. Auf Spurensuche in der Großstadt Berlin.

 
Ist der Zaun vor Wildschweinen sicher? © Selbermachen
Ist der Zaun vor Wildschweinen sicher?

Unsicherer Maschendrahtzaun© SelbermachenTest: Wo ein Fuß nicht durchpasst, hat auch ein Wildschweinrüssel keine Chance; jedenfalls wenn der Zaun tief im Boden verankert ist, einen massivem Querschnitt hat und aus Hartholz (Eiche) gebaut ist. Ein einfacher Maschendrahtzaun, der gerade bis zum Boden hinunter reicht, genügt nicht. Kommt der Rüssel erst bis Augenhöhe unter den Zaun, ist der Weg fürs Wildschwein frei.

Die freie Wildbahn fängt gleich hinter der Innenstadt an. Sie kommen vor allem nachts und gerne im Dutzend: Wildschweinrotten verlassen ihr Revier im Frankfurter Stadtwald, dem Berliner Grunewald, den Harburger Bergen oder dem Königsforst bei Köln und durchwühlen private Gärten und Parks. Betroffen sind deutschlandweit Städte, wo Grünstreifen in die Wohnviertel hineinragen und wo im Umland viele Wildschweine leben. Letzteres ist angesichts jährlich steigender Wildschweinzahlen nahezu überall der Fall. Immer mehr Hausbesitzer haben deshalb allen Grund, darüber nachzudenken, wie sie wildem Besuch vorbeugen können.

Auf der Suche nach Wildschweinspuren in Falkensee In Falkensee am westlichen Rand von Berlin treffen wir Harry Heinicke. Seit mehr als zehn Jahren ist der gelernte Forstwirt Tierbeauftragter der 40 000-Einwohner- Stadt und damit der erste Ansprechpartner auch in Sachen Wildschwein. Er führt uns durch die Beethovenallee und den Niederneuendorfer Weg. Hier grenzt der Wald direkt an die Bebauung, hier ist eines der Einfallstore der Schwarzkittel in die bewohnten Gebiete.

Harry Heinicke© SelbermachenHarry Heinicke, Tierbeauftragter und der Mann für Wildschweinprobleme in Falkensee bei Berlin.

Finden die Wildschweine einen Weg in einen Garten, so gleicht er anschließend einem Schlachtfeld: Der Zaun ist verbeult, der Rasen umgegraben und der Kompost gründlich durchwühlt. Die Beete sind verwüstet, die Mülltonnen umgeworfen und ihr Inhalt großflächig verteilt. Wer das einmal auf dem eigenen Grundstück erlebt oder beim Nachbarn beobachtet hat, sorgt vor. „Schauen sie die Häuser an, die schon lange hier stehen: Sie haben alle wildschweinsichere Zäune. Und die Bewohner halten die Pforte geschlossen“, sagt Heinicke.

Konzept Aussperren: Je stabiler der Zaun, um so besser Nur was ist stabil, auf ein Wildschwein bezogen? Der Tierbeauftragte zeigt uns Beispiele. Da ist zum einen ein modernes, großzügiges Einfamilienhaus, umgeben von einem Holzlattenzaun. „Ganz entscheidend ist, dass trockenes, abgelagertes Holz verwendet wird – am besten von Robinien oder Eichen“, erklärt Heinicke. Die Latten sind auf drei Höhen mit einem stabilen Draht fest verspannt und enden kurz über dem Erdreich. Diesen festen, mattenartigen Verbund können die Wildschweine nicht anheben – vorausgesetzt, keine Latte ist morsch. Etwa alle 4 m gibt ein Pfosten Halt. „Pfosten können natürlich einbetoniert sein, mindestens 80 cm tief. Wenn man mit 80 cm tiefen Einschlaghülsen arbeitet, kann man bei normalem Gartenboden auf das Einbetonieren verzichten. Allerdings darf natürlich in eine 10 x 10 cm große Hülse kein 8 x8-cm-Vierkant gesetzt werden, weil er gerade irgendwo im Angebot ist.“

Ein paar Häuser weiter steht ein Gitterstabmattenzaun. Im Sockelbereich ist eine Betonkante in den Boden eingelassen. Ein zusätzlicher Schutz. „Der Übergang vom Zaun zum Erdreich ist die entscheidende Stelle“, erklärt Heinicke und demonstriert mit seinem Fuß: „Wenn die Tiere nur ihre Nasenspitze reinschieben können, passiert nichts. Sobald sie jedoch mit dem Rüssel bis zu etwa zur Augenhöhe vordringen, können sie ihre gewaltige Hebelwirkung entfalten. Wenn dann der Zaun irgendwo Spiel hat, ist er im Nu umgelegt.“

Am Maschendrahtzaun eine Ecke weiter hatten die Tiere leichtes Spiel: Er endet eine Handbreit über dem Erdboden und ist an der unteren Kante nicht verspannt.

Verwüstungen im Vorstadtgarten – wieder ein saumäßiger Tatort

Auch den provisorischen Zaun eines Grundstücks, das gerade bebaut wird, haben die Tiere nicht wirklich ernst genommen. „Gerade wer neu baut, hat oft nicht das Geld für einen stabilen Zaun. Oder er nimmt die Warnungen der Nachbarn nicht richtig ernst“, berichtet der Tierbeauftragte. „Dann wird eben mal schnell ein Maschendrahtzaun aufgestellt. Wenn aber im ersten Winter sämtliche Krokusse und Tulpen ausgebuddelt wurden, die frisch angelegte Wiese einem Acker gleicht und der Zaun an mehreren Stellen demoliert ist, sehen die Bewohner das anders.“

Dabei kann auch ein kostengünstiger Maschendraht genau wie ein spezieller Wildzaun so konstruiert werden, dass die Wildschweine nicht durchkommen. Zum einen muss er so fest wie möglich verspannt werden. Das kostet Kraft und Zeit. „Entweder wird dann mit einer Betonkante gearbeitet. Sie muss gut 10 cm hoch stehen und der Maschendraht dahinter bis zur Erdkante reichen.“ Die Alternative oder auch Ergänzung zur Betonkante ist eine massive Wühlstange aus trockenem, haltbarem Holz oder Metall. Sie wird am besten an den Zaunpfosten und im Erdreich befestigt.

Wer auf Nummer sicher gehen will, kann den Maschendraht- oder Wildzaun ins Erdreich einbuddeln oder ihn vom Grundstück abwinkeln und mit Muttererde beschweren. „Dieser Bereich wird schnell zuwachsen. Außerdem stehen die Tiere dann außen auf dem Geflecht und beschweren es mit ihrem eigenen Gewicht."

Fundament des Zaunes© SelbermachenPunktfundamente© SelbermachenEin Zaun, der auch Wildschweinen den Weg versperrt, muss nicht nur stabil gebaut sein, sondern darf von den regen Rüsseln nicht unterwühlt werden können. Mit einem tiefen Fundament unter dem Zaunsockel ist man da auf der sicheren Seite (links). Auch Punktfundamente für die Pfosten und ein verbindendes Querbrett überm Boden sichern das Grundstück. Es geht aber auch mit einem Maschendrahtzaun, der 40 cm tief in die Erde reicht oder den Wühlern im Boden ebenso weit entgegenragt (rechts). Der Zaun sollte dabei 150 cm hoch sein, damit „Wutz“ ihn nicht überwindet.

Wir werden durch einen Anwohner unterbrochen. Sein Grundstück ist durch einen Metallzaun gut gesichert und zusätzlich mit einer Hecke bepflanzt. Getreu dem Motto: Je unangenehmer der Zugang für die Wildtiere gestaltet ist, desto größer ist der Erfolg. Sein Problem ist das ungenutzte Nachbargrundstück. Hier liegen die Überreste eines Zaunes herum, auf dem Gelände locken leckere Eicheln. „Über solche Grundstücke gelangen die Borstentiere zwischen die Häuser. Zur Straßenseite hin haben sich alle Nachbarn gut abgesichert. Aber zwischen den Grundstücken stehen natürlich keine wildschweinsicheren Zäune. Da wandern die Tiere ungehindert von Grundstück zu Grundstück“, erklärt der Tierbeauftragte. „Mit ihrem guten Gedächtnis und ihrem guten Orientierungssinn finden sie den einfachsten Weg immer wieder.“

In einem anderen Bereich von Falkensee besichtigen wir ein Neubaugebiet, die sogenannte Rotunde. Sie grenzt an große, mit Wiesen und Sträuchern bewachsene Brachflächen. Die Bewohner der Mehrfamilienhäuser haben durchgesetzt, dass kleine Privatgärten durch Zäune gesichert werden. Das Grün daneben ist schon jetzt flächig umgegraben. „Leichte Herbstschäden“ nennt Tierbeauftragter Heinicke das. „Noch finden die Tiere reichlich Eicheln und Kastanien in den Wäldern. Doch wenn es richtig kalt wird, kommen sie immer zahlreicher immer näher an die Häuser.

Weg mit allem Fressbaren! Wildschweine fressen fast alles, was ihnen vor die Schnauze kommt: Würmer, Insekten und Maden aus lockeren, gut umgegrabenen Garten- und Parkböden liefern tierisches Eiweiß und stehen ganz oben auf dem Speiseplan. Knollen, Blumenzwiebeln und Wurzeln werden genauso wenig verschmäht wie liegengebliebenes Obst und Kartoffeln oder Speisereste vom Kompost. Mit ihrem saumäßigen Geruchssinn finden die Wildschweine jeden Leckerbissen. „Hier können Bewohner natürlich auch eine ganze Menge tun, um die Tiere nicht zusätzlich anzulocken“, erinnert Heinicke. Dass gezieltes Füttern tabu ist, versteht sich von selbst. Gekochte Speisereste, Knochen oder gar Fleisch haben auf dem Kompost nichts zu suchen. Der Kompost wird außerdem am besten abgedeckt. Tierfutter für Vögel und Katzen darf nicht auf der Terrasse oder im Garten rumstehen. Der Hausmüll sollte in geschlossenen Tüten in die Mülltonne gepackt und diese erst am Tag der Leerung auf die Straße gestellt werden. Sind die Wildschweine erst einmal im bewohnten Gebiet zu Hause, so wird man sie schwer wieder los. Versuche, die Viecher mit bewegungsgesteuertem Lärm oder Licht, mit Ultraschallgeräten oder Duftstoffen zu verscheuchen, durchschauen die intelligenten Tiere schnell. Und Wauwi zieht im Zweifelsfall den Kürzeren. „Wenn sich die Schwarzkittel auf einem ungenutzten Grundstück oder in einem vernachlässigten Schrebergarten heimisch fühlen, kehren sie oft nicht mal tagsüber in den Wald zurück“, erzählt Heinicke.

Wenn sich die Tiere allzu sehr breitmachen, dann alarmieren die Einwohner in Falkensee den Tierbeauftragten. Sie haben Angst vor einer weiteren Ausbreitung der Tiere, fühlen sich durch den Geruch gestört oder sorgen sich um ihre Kinder. Harry Heinicke verfügt über eine städtische Ausnahmegenehmigung: Mit der Zustimmung der Grundstückseigentümer darf er im Akutfall im gesamten Stadtgebiet auf Wildschweine schießen. Rund 100 Tiere, so seine Schätzung, werden allein in Falkensee jährlich getötet.

Wildschweine: Zahlen und Fakten

Verbreitung: Eurasien einschließlich Sumatra und Java sowie Nordafrika, in Mitteleuropa bevorzugt in Laub- und Mischwäldern mit großen Mastbäumen, Sumpfgebieten und weiten Lichtungen.

Körpermaße:** Kopf-Rumpf-Länge bis zu 200 cm; Schulterhöhe bis zu 110 cm **Gewicht: Männliches Wildschwein (Keiler): bis zu 350 kg, weibliches Wildschwein (Bache) bis zu 120 kg.

Höchstgeschwindigkeit bei der Flucht: Bis zu 50 km/h.

Körperliche Eigenschaften: Wildschweine sind sehr gute Schwimmer. Außerdem können sie zum Beispiel in Panik recht hoch springen. Geruchs- und Orientierungssinn sind hervorragend ausgeprägt, das Sehvermögen hingegen schlecht.

Natürliche Feinde: Bär, Luchs, Wolf

Lebenserwartung: In freier Natur durchschnittlich 7 bis 8 Jahre, Höchstalter: 21 Jahre. Vermehrung: Eine Bache kann bis zu 12 Junge (Frischlinge) werfen. Wegen der warmen Winter ist mittlerweile praktisch das ganze Jahr über Fortpflanzungszeit.

Geschätzter Bestand in Deutschland: bis zu 4 Millionen Tiere

Was tun, wenn ein Keiler vor mir steht? Gefährlich ist ein Wildschwein nur, wenn es verletzt oder in Panik ist. Oder wenn man zwischen eine Bache und ihre Jungen gerät. Wer sich plötzlich einem Wildschwein gegenüber sieht, sollte sich langsam zurückziehen. Wichtig ist, dass dem Tier immer eine Möglichkeit zur Flucht bleibt.

Ansprechpartner Für Probleme mit Wildtieren in Wohngebieten sind in der Regel Ordnungsämter und Regionalforstämter, im Notfall die Polizei die richtigen Ansprechpartner.

Mehr zum Thema
Das könnte Sie auch interessieren