Baumgutachten

Reportage: Der mit den Bäumen spricht...

Hans Bahr kennt sich mit Bäumen aus. Er kann ihr Äußeres beurteilen und blickt mithilfe von Schallwellen in ihr Inneres. Als unabhängiger Baumgutachter entscheidet er, wie gesund und standsicher Alleebäume an norddeutschen Straßen sind.

 
Sensoren messen die Vitalität des Baumes. © Selbermachen
Sensoren messen die Vitalität des Baumes.

Seit rund 150 Jahren steht die Linde mit der Nummer 53 als Erkennungsmerkmal an der Baumrinde schon am Rande der idyllischen Dorfstraße. Zusammen mit mehr als 40 weiteren Bäumen, die eine malerische Allee bilden.

Doch der schöne Schein trügt. Morsche Äste, faules Stammholz – all das entlarvt der selbstständige Baumgutachter Hans Bahr mit seiner „Visual Tree Assessment“-Methode (VTA).

Er sendet über spezielle Sensoren dreidimensional Schallwellen durch den mächtigen Baumstamm, seine Computersoftware wertet die Messdaten aus. Je langsamer der Schall den Stamm durchdringt, desto schlechter ist die Holzqualität. Sind die morschen Stellen zu groß, hilft nur noch der Griff zur Motorkettensäge, um die Verkehrssicherungspflicht am Straßenrand zu wahren.

Sicher ist Sicher

© Selbermachen„Das Thema Verkehrssicherungspflicht ist mittlerweile ein sehr sensibles geworden. Früher hat man eher einfach mal zur Säge gegriffen und einen Baum gefällt, wenn man den Verdacht hatte, dass er nicht mehr standsicher ist“, erklärt Bahr. Im Auftrag des Landesbetriebs für Straßenbau und Verkehr Schleswig-Holstein (LBV) ist er oft unterwegs, um den Zustand von Bäumen am Straßenrand zu beurteilen.

Ziel: möglichst viele Bäume zu erhalten. Bahr: „Natürlich nur so lange, wie sie wirklich sicher sind.“ Er haftet mit seinen Untersuchungen dafür, dass nichts passiert.

Deshalb geht der gelernte Tischler, der Forstwirtschaft studiert hat, mit seinen Schützlingen am Straßenrand sehr penibel um und lässt neben einem kritischen Blick und einem feinen Gehör auch modernste Technik walten. Sicher ist sicher.

Erste Hinweise gibt der Gummihammer

Aus der Baumrinde hervortretende Leckagen sind ein schlechtes Anzeichen ebenso wie blattreiche Wurzelanläufe, Pilze am Holz, Anfahrschäden am Stamm oder mangelnde Vitalität am Blattwerk der Baumkrone.

Erste Infos zu Schäden am Stamm bietet ihm die Kontrolle mit dem Gummihammer. Vorsichtig klopft Bahr den Stamm ab, lauscht ganz genau auf den Klang. Morsches Holz klingt eher dumpf, hohl.

Bei einem entsprechenden Befund schließt der Baumgutachter seine 20.000 Euro teure Messtechnik an. 13 Sensoren in der Größe einer Zigarettenschachtel, die er mit 100er Nägeln, die nur einen Zentimeter in der Rinde stecken, befestigt, zeigen ihm ganz schnell, wie es im Stamm wirklich aussieht.

Baum-Check mit Schallwellen

„Früher hat man das Holz angebohrt, sich sozusagen einen Bohrkern besorgt. Die Methode ist aber nicht wirklich gut für die Bäume, deshalb setze ich auf Schallwellen, die den Stamm nicht schädigen“, erklärt Bahr.

Die Sensoren – den ersten richtet er immer nach Norden aus, um eine einheitliche Struktur und Ausrichtung bei all seinen Analysen und später unter Umständen wiederkehrenden Folgechecks zu haben – werden der Reihe nach verkabelt und per Bluetooth-Verbindung an seinen Laptop angeschlossen.

Mit einem Hammer klopft Bahr dann der Reihe nach auf die Sensoren. Die gegenüberliegenden Messfühler registrieren die Zeit, die der Schall für den Weg durch den Stamm benötigt. Entsprechende Schalllinien zeigt die EDV farbig an. Blitzschnell wird der Stammzustand elektronisch bewertet.

Die Auswertung der Daten

Ein schwarzer Kreis deutet dabei die sogenannte Deadline an. Die Linie zeigt die gesunde Holzstärke, die der Stamm mindestens haben muss, um standsicher zu sein. Violette Stellen sind hohl, rote zersetzt. Nur blaue Stellen sind einwandfrei.

„Sobald die blauen Stellen nicht mehr überwiegen, hat der Baum ein Problem, dem man dann individuell begegnen muss“, sagt Bahr.

Die Begutachtung des Experten teilt sich deshalb in drei Stufen. Erstens den optischen Befund, zweitens das digital erstellte Messergebnis und drittens das Fazit.

Bahr: „Die Restwandstärke muss stimmen. Die Bäume nehmen ihre Nährstoffe vor allem im Außenbereich auf. Ist dieser Bereich zu gering, hilft nur noch der Griff zur Säge.“

Allerdings müssen Alleebäume tatsächlich nur sehr selten komplett gefällt werden, oft helfen Pflegemaßnahmen. Eine Auslichtung der Krone beispielsweise hilft, den kritischen Stamm zu entlasten. Vor allem Linden und Kastanien sind sehr anfällig, bedürfen deshalb einer besonderen Betrachtung, weiß der Experte.

Die Linde 53 

„Linde 53“ mit einem Stammumfang von 2,70 Metern steht zwischen zwei anderen Linden, deren Baumkronen sich deutlich besser ausgebildet haben. Die „53“ ragt schmal in die Höhe.

„Viel entlasten kann man deshalb durch Pflegemaßnahmen nicht. Und da in den Stamm durch eine hohle Stelle, wo vor Jahren einmal ein zu dicker Ast entnommen wurde, weiterhin Nässe eindringt, ist eine neue Überprüfung in zwei Jahren unbedingt nötig, um die Entwicklung weiter zu beachten“, erklärt der Baumgutachter.

Vorerst muss die Linde allerdings nicht gefällt werden. Sie hat eine Gnadenfrist, muss weiter unter Beobachtung des Fachmannes bleiben und kann die Menschen, die die markante Allee an der Dorfstraße seit Generationen besonders schätzen, weiterhin erfreuen. Zumindest vorerst.

Es gibt viel zu tun

Zu wenig zu tun hat Hans Bahr nicht: In dem Landkreis, den er hauptsächlich betreut, gibt es gut 200.000 Straßenbäume. Mitarbeiter des LBV beurteilen die Bäume regelmäßig selbst, deshalb wurde die konsequente Nummerierung entlang einer Straße eingeführt.

Der LBV kommt bei etwa zehn Prozent der Begutachtungen zu auffälligen Befunden, die in drei Prozent dieser Fälle eine genauere Analyse durch einen Experten erfordern. Und da kommt dann Bahr ins Spiel. „Man trägt schon eine große Verantwortung, denn wenn etwas passiert, ist man in der Pflicht, wenn man in der Beurteilung nicht richtig gelegen hat“, sagt Bahr.

  1. Baumgutachter bei der Arbeit© Selbermachen

    Baumgutachter bei der Arbeit

    In seinem Kombi führt Baumgutachter Hans Bahr ein Akkupack mit, an das er seine Messgeräte anschließen kann.
  2. Baum mit Schaden© Selbermachen

    Baum mit Schaden

    Oft haben Bäume markante Schäden. Durch dieses Loch kann Feuchtigkeit eindringen und Fäule verursachen.
  3. Sensoren aufhängen© Selbermachen

    Sensoren aufhängen

    An simplen Nägeln hängt der Gutachter seine Messsensoren auf. Die Nägel beschädigen den Baum nicht.
  4. Messung auswerten© Selbermachen

    Messung auswerten

    Was Hans Bahr per Hammer abklopft, erscheint kurz darauf bildlich umgesetzt und ausgewertet auf seinem Laptop.

  1. Baum mit Kennnummer© Selbermachen

    Baum mit Kennnummer

    Jeder Baum an Norddeutschlands Straßen hat eine individuelle Kennnummer für die Beurteilung seines Zustands.
  2. Stammumfang messer© Selbermachen

    Stammumfang messer

    Mit einem Maßband misst der Gutachter den Stammumfang, eine wichtige Grundlage für sein Messverfahren.
  3. Sensor-Hammerschläge© Selbermachen

    Sensor-Hammerschläge

    Jeder Sensor bekommt für die präzise Holzanalyse im Stamminneren eine bestimmte Anzahl Hammerschläge ab.
  4. Dreidimensionales Schallbild© Selbermachen

    Dreidimensionales Schallbild

    So sieht das dreidimensionale Schallbild nach der Analyse aus: Rote und lilafarbene Bereiche zeigen Schwachstellen in der Holzgüte.
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