Auto, Nissan

Der Pick-Up "Navara" von Nissan

Viele Männer träumen von einem Pick-up: Vorn Geländewagen, hinten Lastwagen. Doch der Alltag mit einem Schwergewicht vom Schlage des Nissan Navara hat einige Überraschungen in petto.

 
Nissan Navara © Selbermachen
Nissan Navara

Kommen wir gleich zur Sache: Ein Nissan Navara ist kein kleines Auto. Um genau zu sein, er ist überhaupt kein Auto. Laut Zulassung ist er ein „LKW offener Kasten“. Und damit ist eigentlich schon alles gesagt . . .

Auto Hinteransicht© SelbermachenEs sind die schieren Dimensionen, die den von uns gefahrenen „Nissan Navara Double Cab 2,5 dCi“, so die offizielle Bezeichnung, zu einem Leben auf dem Land und in der weitläufigen Vorstadt verdammen: Über 5,2 m Länge, mehr als 2 t Leergewicht und eine Höhe von knapp 1,9 m machen den Besuch eines Parkhauses zur Mutprobe. Auch die Suche nach einem Parkplatz am Straßenrand ist keine wirkliche Alternative: Passenden Parkraum für unseren blauen Boliden fanden wir in deutschen Innenstädten nur im Zeitraum zwischen 22 und 6 Uhr.

Auch schnelle Fluchten aus dem Betondschungel sind des Navaras Sache nicht: Mit einem Wendekreis von knapp 14 m verbieten sich Wendemanöver bei Gegenverkehr von selbst. Doch genug der Mäkelei. Wenn Sie jetzt noch bei uns sind, wohnen Sie auf dem Land. Oder Sie arbeiten regelmäßig auf Baustellen, wo Fahrzeuge eine gewisse Größe haben sollten, um nicht von schlaftrunkenen Radladermaschinisten übersehen zu werden. Für Sie also haben wir einen frohe Kunde: Ihr Auto heißt Nissan Navara!

Ladefläche© SelbermachenIn dem in Spanien gebauten Japaner finden wirklich zwei Welten zueinander: Während vorn der Fahrer den Luxus eines gut ausgestatteten Geländewagens (oder heißt das heute „SUV“?) genießt, kann sich auf der Ladefläche sogar 1 cbm Pflastersand breit machen. Kein Lieferwagen, kein Transporter macht eine solche Symbiose möglich. Und das mit dem Luxus ist wirklich ernst gemeint: Lederausstattung, Navigationssystem, Fensterheber, Klimaanlage, Schiebedach, Soundsystem . . . der Navara lässt es in seiner Topvariante wirklich an nichts fehlen.

Auto beladen© SelbermachenAber auch in Sachen Beladung kann man dem Nissan nichts vormachen: Die Ladefläche des Testwagens war mit einer überaus praktischen Kunststoffwanne ausgeschlagen und verstellbare Zurrpunkte finden sich an allen Ecken und Enden. Der optisch etwas gewöhnungsbedürftige Dachgepäckträger trägt stolze 100 kg. Die Anhängelast – und welcher Pick-up fährt schon ohne „Haken“ – beträgt ebenfalls anständige 750 kg (ungebremst) und 3000 kg (gebremst). Das sind Werte, die ein Lachen auf das Gesicht eines jeden Reitstallbesitzers zaubern können. Wie es bei Pick-ups guter Brauch ist, gibt es den Navara in unterschiedlichen Karosserievarianten. Auch wenn Nissan auf den reinen Zweisitzer verzichtet hat, muss man sich zwischen einem Fonds mit Notsitzen beim „King Cab“ und dem vollwertigen Fünfsitzer entscheiden.

Wagen beladen© SelbermachenWir raten in jedem Fall zur ausgewachsenen, viertürigen Variante. Die hat zwar eine um 30 cm kürzere Ladefläche, dafür aber einen höheren Wiederverkaufswert – und sie erlaubt den Transport der ganzen Familie. Und diese Eigenschaft kann man nicht hoch genug bewerten, denn Kinder lieben den Navara und sind oft nur unter der Androhung wochenlangen Süßigkeitenentzugs aus dem Fahrzeug zu vertreiben. Warum das so ist, lässt sich rational nicht wirklich klären; wahrscheinlich ist es diese einzigartige Mischung aus Sitzen im zweiten Obergeschoss, dumpfem Dieselgrollen und dem vielfarbig blinkenden Monitor des Navigationssystems. Der Navara ist eine riesige Playstation für Jung und Alt.

Die Kinder sind es auch, die sich am wenigsten an der archaischen Fahrkultur stören: Starrachse mit Blattfedern an der Hinterhand in Kombination mit 255er-Breitreifen sind nicht das Zeug, aus dem üblicherweise Sänften gemacht werden. Doch auch diese Bewertung muss man vor dem Hintergrund des geplanten Einsatzortes des Navara relativieren: Wer mit dem Nissan über Baustellen rollt, wird den Komfort als großartig empfinden. Und je mehr Ladung man hinten drauf packt, desto gnädiger zeigen sich die Federelemente ohnehin.

Der Antrieb passt zum Charakter des Fahrzeugs: Unter der hohen Haube findet sich ein 2,5-Liter-Turbodiesel-Direkteinspritzer mit 126 kW (171 PS) und einem starken Drehmoment von über 400 Nm. Man hat also zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, untermotorisiert zu sein. Man gleitet dahin und steht (besser: sitzt) über den Dingen. In nackten Zahlen heißt das: Sprint auf 100 km/h in knapp 12 Sekunden, Höchstgeschwindigkeit 170 km/h. Doch wer mag schon so schnell in einem Lastwagen fahren?

Auch der Testverbrauch hält sich vor dem Hintergrund der bewegten Massen in Grenzen: 10,5 l sind nicht zu viel, erst Recht, wenn man dank eines 80-l-Tanks nur selten an die Zapfsäule muss. Vom zuschaltbaren Allradantrieb haben wir im Redaktionsalltag übrigens selten Gebrauch gemacht, der Standardantrieb erfolgt beim Navara auf die Hinterräder. Der Allradantrieb kann, auch während der Fahrt, per Drehschalter im Armaturenbrett zugeschaltet werden. Ein Partikelfilter ist lieferbar.

Was uns gestört hat? Bis heute wissen wir nicht, warum der Nissan Navara bei seinem (Lastwagen-)Drehmoment ein Sechsgangetriebe braucht. Und noch Monate nachdem unser Testwagen die Redaktion verlassen hat, hört man immer wieder herzhaftes Lachen auf dem Flur, wenn das Gespräch auf das Navigationssystem und den charmanten Sprachfehler der Sprecherin kommt. Aber das ist Kleinkram.

Zu guter Letzt das dicke Ende, der Preis: Und das genau ist auch die Klippe, an der wahrscheinlich die meisten (Navara-) Kaufabsichten zerschellen werden: Die Preisliste des Nissan-Pick-up beginnt bei 27 300 Euro. Der voll ausgestattete Testwagen steht mit über 39 000 Euro in der Liste.

Das ist nicht viel für einen Lastwagen mit Lederausstattung. Doch im Vergleich mit einem Allerweltskombi, der wenig schlechter und vieles besser kann als der Navara – ein stolzer Preis.

  1. InnenraumInnenraum© Selbermachen

    Innenraum

    Fahrerarbeitsplatz im Navara: angenehmer Kunststoff, gute Bedienbarkeit.
  2. RückbankRückbank© Selbermachen

    Rückbank

    Maximale Flexibilität – auch im Fond: klappbare Rücksitze, Staufächer.
  3. Innenraum im DetailInnenraum im Detail© Selbermachen

    Innenraum im Detail

    Edle Blenden, Stoffe und Schaltergalerien: innen ist der Navara kein Nutzfahrzeug mehr.
  4. Verschiebbare HakenVerschiebbare Haken© Selbermachen

    Verschiebbare Haken

    Stabile, verschiebbare Haken und Ösen, um die Ladung auf der Ladefläche zu fixieren.
  5. ReserveradReserverad© Selbermachen

    Reserverad

    Blinder Passagier im Untergrund: Reserverad im Fahrzeugheck.

Fazit

Positiv: Extrem große Flexibilität für den Lastentransport. Gute Verarbeitung, vollständige Ausstattung. Maßvoller Kraftstoffverbrauch, große Reichweite, subjektiv guter Durchzug aus niedrigen Drehzahlen. Diesel-Partikelfilter. Wahrscheinlich guter Wiederverkaufswert.

Negativ: Abmessungen für Privatverkehr zu groß; unzeitgemäßes Gewicht; großer Wendekreis. Unkomfortables Fahrwerk, beschränkte Fahrleistungen, Zulassung als LKW. Ladefläche für Diebe offen zugänglich. (Es gibt ein Hardtop als Zubehör.) Unbefriedigendes Navigationssystem (Aufpreis), hoher Gesamtpreis.

Der Kauf eines Nissan Navara Double Cab ist für die wenigsten Interessenten rational begründbar. Trotzdem macht er Spaß und brilliert bei jeder Art von Lastentransport.

DATEN NISSAN NAVARA DOUBLE CAB 2,5 DCI

Längs eingebauter Turbodiesel-Direkteinspritzer mit Ladeluftkühlung, 2488 ccm Hubraum, 126 kW (171 PS) bei 4000 U/Min.403 Nm maximales Drehmoment bei 2000 U/Min. Common-Rail-Einspritzsystem. Oxidationskatalysator, Dieselpartikelfilter. Batterie 75 AH. Vorne Einzelradaufhängung, hinten Starrachse mit Blattfedern. Heckantrieb und zuschaltbarer Vorderradantrieb, Geländereduktion. Sechsganggetriebe, mechanisch. Felgen 17x7JJ, Vorderräder 235/70 R 16, Hinterräder 255/65 R 17. ABS. Wendekreis 13,8 m, Höchstgeschwindigkeit 170 km/h, Testverbrauch 10,5 l Diesel. Preise: Nissan Navara King Cab 2,5 ab 27 300 Euro, Double Cab ab 28 700 Euro

Artikel aus selber machen Ausgabe 08/2011. Jetzt abonnieren!
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