Akkuschrauber mit Bayern-Power | SELBER MACHEN Heimwerkermagazin
Reportage

Akkuschrauber mit Bayern-Power

Der handliche Akkuschrauber ist das Allroundtalent unter den Heimwerker-Tools. Da kommt es auf jedes Detail an. Einhell hat deshalb eine eigene Designwerkstatt etabliert, die den Klassiker immer wieder neu erfindet. Ein Besuch im niederbayrischen Landau zur Entwicklung des aktuellen Modells.

 
Aus einem Papierentwurf entsteht ein Prototyp und schließlich das fertige Modell. © Selbermachen
Aus einem Papierentwurf entsteht ein Prototyp und schließlich das fertige Modell.

Wie ein Relikt aus den 70ern ergießt sich der Wellblechflachbau in die Landschaft. Gut 40.000 Quadratmeter Hallen in Grau und Rot. Wir sind in Landau, im niederbayrischen Industrieflachland kurz hinter BMW-Dingolfing – Audi-Ingolstadt ist auch nicht weit weg. Bis 1994 baute die Firma Eicher auf dem Gelände legendäre Traktoren, heute tüfteln hier Ingenieure und Designer von Einhell an Power-Tools für die Baumärkte der Welt zwischen Rio und Tokio, zwischen Flensburg und Garmisch. Mit ehrgeizigen Zielen: „In spätestens fünf Jahren wollen wir im Baumarkt in Deutschland die Nummer zwei sein“, sagt Marketingleiter Markus Kathan. Der Oberösterreicher mit dem weichen Dialekt führt seinen Besuch gleich dorthin, wo die Weichen für diese Zukunft gestellt werden: 50 Meter vom alten Pförtnerhäuschen im 50er-Jahre-Look zum Einhell-Thinktank Duo Design. Hinter den meisten Türen von Einhell wartet das Erwartbare: funktionale Büros, gewaltige Hochregallager, wieselnde Gabelstapler, Arbeiter im Blaumann. Hinter dieser Tür nicht: Mittzwanziger wie die, die hier an hochglänzenden und penibel aufgeräumten Riesenschreibtischen vor ihren Monitoren sitzen, trifft man sonst in Berlin- Mitte oder im Hamburger Schanzenviertel. Sie tragen nach allen Seiten abstehende Igelfrisuren und sogenannte Nerd-Brillen mit breitem Kunststoffgestell. Metropole statt Provinz. Die Raumdecke ist lässig mattschwarz lackiert, die Wände sind in kühlem Weiß und Grün gestrichen. Das ist das Reich von Rudolf Sageder (53) und Thomas Ellerstorfer (48).

Die beiden diplomierten Industriedesigner kennen sich seit der Studienzeit an der Münchner Fachhochschule. „Wir ergänzen uns gut“, sagt Sageder. Er, der leidenschaftliche Motorradfahrer, sei eher fürs Technische zuständig, sein Kompagnon fürs Ästhetische. 2002 gründeten sie Duo Design, seit 2005 sitzen sie direkt auf dem Werksgelände von Einhell. Denn sie gestalten zwar auch Fahrräder für die Firma Ghost und Küchenhelfer für Fackelmann, aber die meiste Zeit kümmern sie sich um die Gartengeräte und Power-Tools aus Landau.

Ihr aktuelles Projekt heißt „TE-CD 12 Li“: Schon der Vorläufer dieses neuen Akkuschraubers gehört zu den Verkaufsschlagern im Einhell-Sortiment, „ein Allrounder, der in jede Hobbywerkstatt gehört“, wie es Markus Kathan formuliert. Was soll man daran noch verbessern?

Dieser Frage sind Andreas Forster (29) und Thomas Stocker (40) nachgegangen. Der kräftige Produktmanager und sein drahtiger Kollege aus der Technik haben dazu alle Quellen angezapft: Geräte der Konkurrenz aufgeschraubt und zerlegt, den Markt weltweit von ihren Kollegen in den Außenbüros abklopfen lassen – und vor allem Kundenfeedback aus dem eigenen Callcenter ausgewertet. Das liegt nicht irgendwo in Indien, sondern Tür an Tür neben den Büros der Entwickler. „Mehr und besseres Feedback kann man gar nicht bekommen“, schwärmt Stocker.

Daraus haben die beiden ein fast 400 Punkte umfassendes Lastenheft für den „TE-CD 12 Li“ erstellt, drei eng bedruckte DIN-A3-Seiten, die jetzt bei DuoDesign auf dem Schreibtisch liegen. Motor, Akku und Getriebe sind darin definiert, der anvisierte Ladenpreis (80 Euro), aber auch Dinge wie „Unisex-Design“: Das Gerät soll Männern und Frauen gefallen, also weder Spielzeug noch Koloss sein. Und doch Kraft und Drehmoment entwickeln wie ein „Großer“. Kurz: die richtige Wahl, egal ob ein Billy-Regal zu montieren ist oder ein Monster-Flachbildschirm an die Wand soll.

Alle Angaben des Lastenhefts definieren sozusagen das Innenleben des Akkuschraubers. Jetzt fehlt nur noch die Hülle. Nur? Von wegen: „Bei der Kaufentscheidung steht das Design an erster Stelle“, sagt Markus Kathan. Die entscheidende Arbeit geht also erst los.

Ganz traditionell bringen Sageder, Ellerstorfer und ihr Team die ersten Entwürfe mit Stift zu Papier. „Der Papierentwurf ist die wahrhaft kreative Phase, weil jede Idee bleibt und nichts gelöscht wird“, erklärt Sageder. „Der Computer ist dann dazu da, die Idee zu perfektionieren.“

Damit nicht jeder Designer in eine andere Richtung gestaltet, haben die DuoDesign-Bosse einen Styleguide entwickelt, eine Art Roadmap für Neuentwicklungen, die die Richtung vorgibt. „So müssen alle Linien und Schwünge in Arbeitsrichtung zeigen, das erzeugt Dynamik und Emotion“, erläutert Ellerstorfer. Große Flächen bekommen eine Rippenstruktur, Sixpack nennt das Sageder, und genau das soll es auch sein: sexy und kraftvoll.

Haben sich die Designer schließlich für einen Entwurf entschieden, wird er im Computer nachgezeichnet. Auf dem Wacom-Tablet, einer Art überdimensionalem iPad, kann man das fast wie auf Papier erledigen: mit kräftigen Freihandschwüngen. Das fertige Ergebnis, der sogenannte Sketch, wird dann am Rechner mit den Daten aus der Technikabteilung verbunden: Mit ein paar Mausklicks legt der Computer die Außenhaut um Motor, Getriebe, Akku und Co. und arbeitet den Entwurf dreidimensional aus. „Diese Darstellung“, erläutert Sageder mit Blick auf den Monitor, wo sich der Akkuschrauber gerade aufbaut, „muss schon alle Emotionen transportieren, die wir mit dem Tool verbinden.“

Der Entwurf gefällt – Kollege Computer kann sich an den nächsten Schritt machen: Aus dem 3-D-Entwurf rechnet er die Daten für ein erstes Modell aus Polyurethan. Im Nebenraum beginnt die CNC-Fräse Millimeter für Millimeter das Muster aus einem Schaumblock zu formen, ganz gemütlich, fast zwei Stunden dauert es, bis man die beiden Halbschalen aus der Maschine nehmen und zu einem realistischen Modell zusammenkleben kann. Thomas Ellerstorfer: „Das gibt uns jetzt die Antwort auf die Fragen: Wie fühlt sich das Tool an? Wie liegt es in der Hand? Hier kommt es auf Zehn telmillimeter an.“ Und einer seiner Mitarbeiter koloriert inzwischen das Musterstück mit feinem Pinselstrich per Hand. Sieht jetzt schon verdammt echt aus.

Aber Sageder und Ellerstorfer sind noch nicht zufrieden. Nach kurzer Diskussion schleifen sie hier ein Stück am Modell ab, modellieren an anderer Stelle etwas an, bis alle kopfnickend zustimmen: Passt! „Für unseren Ergonomie-Check vergleichen wir das Anfassgefühl zum Beispiel auch mit den Griffen von Alpin-Skistöcken“, erzählt Sageder. Über den Tellerrand blicken gehört zum Geschäft.

Doch wie kommen die Änderungen am Modell jetzt wieder in den Rechner? „Früher mussten wir das mühsam vom Modell abnehmen und übertragen, jetzt übernimmt das ein 3-D-Scanner.“ Computer und Spezialkamera stehen in einem verglasten Nebenraum. Mithilfe projizierter Hilfslinien nimmt der Scanner mehrere Einzelbilder auf, aus denen der Rechner ein räumliches Modell zusammensetzt und die Daten mit dem alten Entwurf abgleicht. Auch der nächste Schritt ist wieder Bildschirmarbeit: Jetzt wird am fertigen Entwurf jedes Einzelteil genau definiert: Größe, Farbe, Material, Gewicht. Es ist ein bisschen wie Lego-Bauen am Rechner, nur komplexer. Sogar Schalter und Hebel lassen sich am Computer simulieren: Klemmt vielleicht noch irgendwo was?

Jedes Einzelteil am „TE-CD 12 Li“ ist jetzt festgelegt, vom Getriebe bis zur kleinsten Schraube. Ellerstorfer: „Daraus lassen wir jetzt den Prototyp fertigen.“ Damit ist die Arbeit bei DuoDesign auch schon fast erledigt. Die Freigabe des Prototyps mit den Kollegen aus Technik und Produktmanagement ist in der Regel nur Formsache. „In dieser Phase müssen wir selten noch Änderungen vornehmen, da wir die Prozesse vorher eben ganz genau steuern.“

Ab hier übernimmt Einhell China: Als globaler Konzern entwickeln die Landauer in Deutschland und fertigen in Ostasien. Gefahr, dass auch das Design dorthin verlagert wird, besteht nicht. „Unsere Aufgabe wird ja größer statt kleiner“, sagt Sageder. „Wir müssen uns heute schon überlegen, wie unsere Zielgruppe von morgen aussieht. Das sind die, die heute Snowboard fahren, Konsole spielen, mit dem iPad groß werden.“ Für die, das meint Sageder, dürfte auch ein Akkuschrauber in fünf Jahren ganz anders aussehen als heute.

Vom Entwurf bis zum Prototypen eines Akkuschraubers

  1. Die Konkurrenz im Blick© Selbermachen

    Die Konkurrenz im Blick

    Ehe der neue Akkuschrauber entwickelt wird, vergleicht Techniker Thomas Stocker alle Mitbewerber, „vor allem auch die, die etwas teurer sind“.
  2. Erste Ideen© Selbermachen

    Erste Ideen

    Auch heute noch entsteht der erste Designentwurf mit Stift und Papier. „So geht uns einfach keine Idee verloren“, sagt Designer Sageder.
  3. Zauber-Brett© Selbermachen

    Zauber-Brett

    Am Tablet skizzieren die Designer den Entwurf direkt in den Computer, in dem daraus ein 3-D-Bild entsteht.
  4. Bessere Hälften© Selbermachen

    Bessere Hälften

    Die 3D-Skizze zerlegt Kollege Computer in ein Modell aus zwei Halbschalen – Vorlage für die CNC-Fräse.
  5. Schaummodell© Selbermachen

    Schaummodell

    In einem Nebenraum schält die computergesteuerte Fräse Lage für Lage das Musterstück aus einem Polyurethan-Block. Erst grobe Umrisse, mit jedem Schritt wird das Modell feiner ausgearbeitet.
  6. Ruhige Hand© Selbermachen

    Ruhige Hand

    Die zwei Hälften werden zusammgeklebt und bemalt. Sieht jetzt schon richtig echt aus.
  7. 3-D-SCAN© Selbermachen

    3-D-SCAN

    Alles, was am Muster oder auch am Prototyp noch zu ändern war, muss zurück in den Rechner übertragen werden. Der 3-D-Scanner erledigt das.
  8. Detailarbeit© Selbermachen

    Detailarbeit

    Jedes Bauteil legen die Designer am Computer fest: Form, Material, Gewicht.

110 Schrauben mit einer Ladung

© SelbermachenLetzte Nagelprobe für das neue Power-Tool: Bevor der neue Akkuschrauber in die Baumarktregale kommt, nimmt ihn Produkttrainer Andreas Sporrer (40) in seiner Werkstatt so ran, wie er später auch von den Kunden beansprucht wird. Im Akkord dreht er beispielsweise Schrauben, 4,5 x 60 mm, in einen Fichtenbalken. Sein Rekord: 110 Stück mit einer Akkuladung. „Das sollte für den Hausgebrauch doch reichen, oder?“, lacht er und drückt seinem Besuch das Tool in die Hand: „Probier’s aus, aber Vorsicht, das hat richtig Drehmoment.“

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