Baumarkt, Eisenwaren

Baumarkt versus Eisenwaren

Wir haben uns gefragt, was den Alltag in einem modernen Baumarkt von dem eines traditionellen Eisenwarenkrämers unterscheidet – und um Antworten zu finden, zwei Verkäufer begleitet.

 
Frau Gottschalk im Kundengespräch © Selbermachen
Frau Gottschalk im Kundengespräch

Wenn Patrick Sültz (25) morgens in der Frühschicht um kurz nach acht Uhr seinen Rundgang durch die Abteilung Sanitär, Eisenwaren und Elektro bei „Max Bahr“ in Hamburg-Bramfeld beginnt, hat er einen Einkaufskorb dabei. Aber statt Einkaufsbummel steht für den Verkäufer bei seinem Weg durch die langen Gänge „Fundstücke sammeln“ auf dem Programm. Das heißt, er packt Produkte in seinen Korb, die Kunden falsch zurückgelegt haben oder deren Verpackung defekt ist. Gleichzeitig richtet er die Ware in den Regalen wieder ordentlich nach der Kante aus, „Kante machen“ heißt das im Baumarkt-Jargon. Und er überprüft, ob und wo Ware des riesigen Sortiments nachgefüllt werden muss und ob bei den Musteraufbauten, beispielsweise im Bäderbereich, alles in Ordnung ist. Er kümmert sich um den Austausch defekter Glühbirnen oder auch das Reinigen verschmutzter Spiegel. Wenn der Verkäufer den Korb am Informationsstand seiner Abteilung absetzt, hat er bereits einige hundert Meter zurückgelegt.

Am Infostand: Von der Preisauskunft für Duschvorhänge bis zur Recherche des passenden Akkus für einen in die Jahre gekommenen Akkuschrauber – hier werden kleine und große Fragen beantwortet.

Dagegen sind am Arbeitsplatz, den Gitta Gottschalk (50) eine Stunde später erreicht, die Wege kurz. Das Geschäft „Eisenwaren Harms“ bietet in einem belebten Wohnviertel Hamburgs auf kleinem Raum eine unglaubliche Produktfülle. Die Haushaltswaren in den Regalen reichen vom Abfalleimer bis zur Hummergabel und von der Kohlenschütte bis zur Zuckerzange, dazwischen Bambusstangen und Fahrradzubehör. Die größten Schätze aber bergen die vielen Schubladen eines aus Kriegstrümmern geretteten Karteikartenschranks hinter dem Tresen. Dazu gehören so typische Eisenwaren wie Nägel und Schrauben, aber auch Bilderösen, Fenstergriffe, Laubsägeblätter, Spiegelhalter oder Wetzsteine. Im Kellerlager befinden sich neben dem Nägel-, Stifte- und Schraubennachschub noch Karnickeldraht oder selten nachgefragtes Werkzeug wie eine Sense.

Alltägliches: Zusammen mit dem Chef wird über die Bestellung neuer Artikel und Materialien beraten.

In der Pause gibt es im Hinterzimmer bei einer Tasse Kräutertee einige ruhige Minuten und Zeit zum Durchatmen.

Seit zwölf Jahren verkauft Gitta Gottschalk hier und kennt viele Menschen des Viertels. Manche Kunden kommen bereits in dritter Generation. Ob jemand Schrauben benötigt, eine Leiter, einen Wasserkocher oder lediglich einen neuen Stöpsel für die Wärmflasche – es gibt für alles eine Lösung. „Viele kommen mit Anliegen wie ‚Ich brauche eine Schraube.’ oder bringen nur ein kleines, abgebrochenes Teil mit. Da musste ich erst lernen, mich behutsam heranzufragen“, berichtet die Verkäuferin. Wie im Falle der älteren Dame, die einen abgebrochenen Metallstift aus ihrer Handtasche kramt. Bis seine Funktion geklärt und Ersatz gefunden ist, vergeht fast eine Viertelstunde. Letztlich kauft die Dame einen Schraubhaken für 20 Cent und bekommt den Hinweis: „Wenn er nicht passt, bringen Sie ihn zurück.“

Typisch Eisenwaren: Hier kann man Haken, Schrauben und Nägel einzeln oder en gros erwerben. Nägel werden mit einer traditionellen Waage abgewogen und der Preis nach dem Gewicht bestimmt.

Auch Patrick Sültz im Baumarkt kennt das: „Die Kunden fragen nach dem kleinsten Teil.“ Wer sich im Kleinen kompetent beraten fühlt, sucht „seinen“ Verkäufer gezielt wieder auf. So hat der junge Mann schon manchen Hausbau durch alle Bauabschnitte begleitet und Spaß an der ausführlichen Beratung gehabt. Besonders zufriedene Kunden haben zur Anerkennung auch schon mal ein Frühstück ausgegeben. Wie oft am Tag er Kunden lediglich mit „Koordinaten“ weiterhilft, kann der gelernte Heizungsbauer, der seit drei Jahren Baumarktmitarbeiter ist, nicht sagen. Fast reflexartig kommt auf die Frage: „Wo finde ich ein Vorhängeschloss?“ von ihm die Antwort: „Gang 19, links rein, gleich auf der rechten Seite."

Tägliche Momente: Die am Morgen eingesammelten Fundstücke werden zurück an ihre ursprünglichen Plätze in die Regale geordnet. Und die aus dem „Hochstau“ geholte Ware wird „auf Kante“ gebracht.

Wenn es um das Auffüllen der Regale geht, holt Patrick Sültz Nachschub „aus dem Stau“– und zwar aus dem „Handstau“ mit der rollenden Leiter oder dem „Hochstau“ noch eine Etage weiter oben im Hochregal. Dabei kommt der Gabelstapler zum Einsatz. Wenn Ware nachbestellt werden muss, gibt Sültz einen Computerausdruck mit den Artikeldaten an den Disponenten. Gitta Gottschalk notiert jeden verkauften Artikel – von Kleinmaterial abgesehen –, damit die Nachbestellung prompt erfolgen kann: „Denn wir haben mitunter nur ein Teil davon.“ Was fehlt oder für Kunden bestellt werden muss, bespricht sie meist kurz mit ihrem Chef, Ladeninhaber Uwe Kaspereit, dann geht die handgeschriebene Bestellliste per Fax zum Großhändler. Ware kommt zweimal die Woche, dienstags und donnerstags. Zum Verstauen ist kein großes Gerät erforderlich, eine Haushaltsleiter reicht aus.

Pause im Baumarkt© SelbermachenIm Pausenraum ist in entspannter Atmosphäre Gelegenheit für den Austausch mit den Kollegen.

Wichtig: Den Überblick behalten und den Blick für Details nicht verlieren

Der Baumarktverkäufer hat wechselnde Schichtdienste, die früh beginnen oder spät enden und per Computerprogramm eingeteilt werden. Im Eisenwarenladen stehen die Arbeitszeiten fest, Ausnahmen klärt Gitta Gottschalk nebenbei mit ihrem Chef, der neben ihr hinterm Ladentisch steht. In beiden Geschäften sind die Stoßzeiten gleich, früh am Vormittag ist viel los und nach 17 Uhr wird es voll.

Bei dem Eisenwarenladen schaut auch mal ein Kunde herein, nur um kurz „hallo“ zu sagen. Besonders langjährige Kunden schätzen die Gelegenheit zum Plauschen. Oder eine Mutter in prekärer Lage erhält Soforthilfe: Sie bekommt nicht nur Ersatz für die gebrochene Schraube am schief hängenden Kinderwagen, sondern diese auch gleich eingebaut.

Ordnung fürs Schaufenster schaffen© SelbermachenSchlüsseldienst im Eisenwaren© SelbermachenFeinschliff: Im Schaufenster muss Ordnung herrschen, damit der Blick der Laufkundschaft verweilt. Der eigene Schlüsseldienst erfordert technische Fertigkeiten, eine ruhige Hand und große Genauigkeit.

Im Baumarkt gefällt es Patrick Sültz, wenn er Kunden ausführlich beraten kann. „Ich mag es, wenn ich an den Ausstellungen etwas praktisch demonstrieren kann. Der Kunde sieht dann selbst, dass Duschtüren unterschiedliche Scharniere haben. Es freut mich, wenn der Käufer am Ende mit seiner Wahl zufrieden ist.“

Detailkontrolle: Die Überprüfung der Produktausstellung, „Demopflege“ genannt, ist eine regelmäßig anfallende Aufgabe. Nur ordentlich gewartet, machen die Objekte positiven Eindruck. Ein falsches Preisschild wird schnell getauscht.

Seine Kunden müssen Patrick Sültz entweder am Infostand aufsuchen oder in den Gängen erwischen. Zum Beispiel wenn er unterwegs ist, um die am Morgen eingesammelten „Fundstücke“ wieder wegzusortieren. Nicht selten muss er dabei den gesamten Baumarkt durchqueren und absolviert eine beachtliche Laufleistung. Gitta Gottschalk hat es leichter, immer in Sicht- und Hörweite ihrer Kunden zu bleiben und wegzuräumen ist bei ihr höchstens mal die gerade vorgeführte Ware. Ob es um eine neue Duschkabine oder einen geeigneten Wasserkocher geht – Kundenberatung wird in beiden Welten groß geschrieben.

Eisenwaren Harms

Gitta Gottschalk von Eisenwaren Harms© SelbermachenVerkaufsfläche: 80 qm Artikelanzahl: 4000 Mitarbeiter: 5 Gründungsjahr: 1933 Öffnungszeiten: Mo – Fr 9.00 – 19.00 Uhr, Sa 9.00 – 14.00 Uhr

Hoheluftchaussee 17 | 20253 Hamburg | Tel. (0 40) 4 20 29 16

MAX BAHR

Patrick Sültz von MAX BAHR© SelbermachenVerkaufsfläche: 12 000 qm Artikelanzahl: 60 000 Mitarbeiter: 90 Gründungsjahr: 1879 Öffnungszeiten: Mo – Fr 8.00 – 20.00 Uhr, Sa 8.00 – 20.00 Uhr

Filiale Hamburg-Bramfeld | Bramfelder Chaussee 136 | 22177 Hamburg | Tel. (0 40) 63 29 98-0

Artikel aus selber machen Ausgabe 09/2012. Jetzt abonnieren!
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