Reportage

Materialeinkauf am Berliner Moritzplatz

„Planet Modulor“ ist in Berlin längst kein Geheimtipp mehr, sondern die erste Adresse in Sachen Materialeinkauf für anspruchsvolle Bastler und kreative Selbermacher. Ein kreativer Verbund von Handwerkern hilft auch handwerklich weniger Begabten, ihre Vorstellungen umzusetzen.

 
Kaufhaus für Selbermacher: Planet Modulor in Berlin. © Selbermachen
Kaufhaus für Selbermacher: Planet Modulor in Berlin.

Michael Lehner ist einer der ersten Kunden am Freitagmorgen. Er hat eine funktionale Tasche umgehängt. Die Form ihrer Einschubfächer erinnert an einen Cowboysattel. Sie sind durch einen breiten Riemen verbunden und werden über der Schulter getragen, ein Taschenteil vor und eins hinter dem Körper. Mit Reißverschlüssen lassen sich in den überlappenden Fachdeckeln zusätzliche Fächer öffnen. Michael Lehner möchte die gleiche Tasche noch einmal bauen.

Zielsicher schiebt er den Einkaufswagen durch die breiten, noch leeren Gänge des hell erleuchteten Verkaufsraums im Erdgeschoss. Er lässt die riesige Abteilung mit Modellbauzubehör und Kleinteilen links liegen und wendet sich neben den Skizzenbüchern und weiterem Bürobedarf nach rechts. Hier beginnt die Rollenware: Von Flokati-Plüsch über Deko-Tüll, Kunstrasen und Spinnvlies bis zu Rupfen gibt es alles am laufenden Meter.

Michael Lehner braucht stabilen Filz als Gerüst für seine Tasche. Der grau- oder grünmelierte Kunstfaserfilz kommt damit nicht infrage. Bei den robusteren Wollfilzen lenkt die Materialstärke die Augen den Kunden: Mindestens drei Millimeter stark muss sein Filz schon sein. Dann kommt die Qual der Wahl unter 30 Farben: Schoko? Anthrazitmeliert? Er entscheidet sich für Anthrazit und macht sich auf die Suche nach geeigneten Gurten und Schnallen für die Verschlüsse.

Nächster Stopp ist die Textilabteilung. Als Obermaterial benötigt er ein robustes, reißfestes Gewebe. Dazu einen Reißverschluss. Lieber Ton in Ton oder ein farblicher Kontrast? Zinken aus Kunststoff oder deutlich sichtbarem Metall? „Für mich ist das hier so etwas wie eine Materialbibliothek. Hier finde ich garantiert immer alles, was ich brauche“, erklärt Michael Lehner. „Meine Materialien könnte ich zwar vielleicht auch woanders bekommen, möglicherweise sogar billiger. Doch dann müsste ich lange suchen, hätte außerdem weite und zeitaufwendige Wege zu verschiedenen Läden und müsste häufig auch weit größere Mengen abnehmen, als ich für meine Zwecke tatsächlich benötige.“

Bekannte Materialien in unbekannten Zusammenhängen

Rund 25 000 Produkte sind auf drei Etagen erhältlich. Platten aus Verbundwerkstoffen, Holz, Metall oder Kork, Textilien und Leder, Bänder, Ketten und Schläuche, Behälter und Formteile, daneben Klebstoffe, Farben, Gießwerkstoffe und, und, und. Alle Artikel sind in Kleinstmengen, Übermaßen und vielen Farben zu haben, werden bei Bedarf auch zugeschnitten.

Hinter dieser gigantischen Sammlung stecken System und eine eigene Philosophie: „Es gibt ganz viele Materialien, die irgendwann auftragsbezogen für ein ganz bestimmtes Produkt entwickelt und dann auch nur für dieses Produkt in einer bestimmten Größe produziert wurden. Diese Materialien sind nie als Rohmaterial in den Handel gelangt“, erklärt Verkaufsleiterin Silke Michel. „Wir lösen sie aus ihren ursprünglichen Zusammenhängen, ordnen sie allein nach ihren Materialeigenschaften und machen sie damit für ganz neue Verwendungszwecke verfügbar.“

So können leichte und gleichzeitig stabile Pappwabenplatten, die ursprünglich zu Einwegpaletten verarbeitet wurden, irgendwann die Wände eines Kinder-Spielhauses werden. Eine transparent-grüne Gitterplane, die zur Abdeckung von Baugerüsten eingesetzt wurde, könnte sich als Duschvorhang wiederfinden. Und die Farbfilterfolie aus dem Theater eignet sich prima als Lampenschirm. „Für mich ist ein Einkauf oder ein Rundgang bei Modulor auch immer eine Ideenfundgrube“, sagt Michael Lehner. „Manch ein Material hat mich schon zu einem Entwurf inspiriert.“ Praktische Tipps und Hilfestellungen in puncto Kreativität geben auch die Mitarbeiter. „In der Verkaufsberatung bringe ich auch immer ganz viele eigene Gedanken mit ein“, erzählt die Verkaufsleiterin.

Die Grundidee ist ein Erfolgsrezept, das beweist die Geschichte des Materialkaufhauses: 1988 eröffnete der Architektensohn Christof Struhk Modulor nahe der Technischen Universität als Fachgeschäft für Architekten, Modellbauer und Designer. Der erste Laden war 30 Quadratmeter groß. Vier Jahre später zog das Unternehmen in die Gneisenaustraße nach Kreuzberg. Dort fraß sich Modulor im Laufe weniger Jahre wie eine Raupe durch mehrere Gebäudeflügel. Bis 1000 Quadratmeter Verkaufsfläche und 2000 Quadratmeter Lager- und Büroräume nicht mehr ausreichten. Am Moritzplatz stehen nun 2500 Quadratmeter allein als Verkaufsraum zur Verfügung. Die Zahl der Produkte steigt immer noch weiter an.

Netzwerk der Kreativen

Mit dem Umzug innerhalb der Hauptstadt hat sich das Kreativhaus nicht nur vergrößert. Es ist auch zum Herz eines Netzwerks geworden: 30 Partner-Unternehmen aus Handel, Handwerk, Kultur und Gestaltung haben sich im selben Haus und großteils mit direktem Zugang zu den Modulor-Verkaufsräumen niedergelassen. Zusammen nennen sie sich Planet Modulor. Sie wollen sich wechselseitig ergänzen und befruchten.

Da ist zum Beispiel die Tischlerwerkstatt Zinken und Zapfen. „Mein Geschäft besteht aus drei Säulen“, berichtet Tischlermeister Klaus Henke. „Ich habe einen ganz normalen Werkstattbetrieb. Dabei bin ich spezialisiert auf kreative Holzverbindungen. Dann biete ich für Kunden von Modulor schnelle Serviceleistungen an – mal einen Zuschnitt, mal eine Bohrung, mal eine Fase. Und darüber hinaus veranstalte ich Schulungen – Workshops für Privatleute und Seminare bei der Handelskammer.“

Oder die Firma Extratapete in der oberen Etage: „Die Kunden bringen uns digitale Vorlagen, die wir so anpassen, dass sie auf eine Tapete gedruckt werden können“, erläutert Firmenchef Matthias Gerber. Nach einem ähnlichen Prinzip arbeitet die Grafik- und Druckfirma Schulz & Schulz. Herzstück ihres Werkstatt-Büroraums ist ein riesiger Drucker. „Wir bedrucken alle möglichen Materialien nach den Wünschen unserer Kunden“, sagt Geschäftsführer Oliver Schulz-Frobenius. Die Zutaten dafür sind digitale Vorlagen der Kunden und Rohmaterialien – meist von Modulor. Aus einer Glasplatte entsteht ein individueller Spritzschutz, ein Vorhang erhält ein einzigartiges Dekor, oder eine Metallplatte wird zur farbenfrohen Magnetwand.

Oliver Schulz-Frobenius beschreibt, wie das Netzwerk in der Praxis funktioniert: Ein Kunde möchte einen ungewöhnlichen Tisch für seine Sitzecke gestalten. Bei Modulor bekommt er eine Holzplatte. Bei Schulz & Schulz wird die Oberfläche nach einer digitalen Vorlage bedruckt oder mit einer bedruckten Beschichtung versehen. Für das Fräsen der Tischkanten ist dann „Zinken und Zapfen“-Henke zuständig. „Zwischen uns Firmen ist das mittlerweile eine eingespielte Zusammenarbeit. Der Kunde kann bei solchen Kooperationen entweder jeden Dienstleister einzeln beauftragen. Oder er beauftragt einen, der sich dann wie ein Generalunternehmer um alles kümmert.“

Für viele Kunden ist der Firmenverbund ein richtiger Gewinn. Auch für Michael Lehner: Für seine Umhängetasche braucht er Hilfe von Linkles Nähinstitut. In der Werkstatt kann man sich nach Zuweisung an eine der betriebsbereiten Maschinen setzen und loslegen. Für weniger geübte Schneider gibt es eine offene Werkstatt. Und natürlich bietet auch das Nähinstitut Workshops an.

Ein Großteil der Kunden hier sind junge Frauen zwischen 25 und 35 Jahren. „Doch mittlerweile beträgt der Männeranteil immerhin 15 bis 20 Prozent“, freut sich Geschäftsführerin Linda Eilers. „Sie nutzen besonders gern unsere Industrienähmaschinen, mit denen man auch mehrere Gewebelagen gut verarbeiten kann.“ Im Moment sei bei Männern Taschennähen ganz groß angesagt. „Na, dann liege ich ja voll im Trend“, schmunzelt Michael Lehner.

Modulor – Planet Modulor Prinzenstr. 85 10969 Berlin; Tel. (0 30) 69036-0 www.modulor.dewww.planetmodulor.de

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