Kettensägenkunst | SELBER MACHEN Heimwerkermagazin

Möbelschnitzen mit der Motorsäge

Kettensägenkunst

„Moin! Sind Sie der Förster hier? – Da steht ein altes Sofa im Wald!“ Der Förster schmunzelt beim Hinweis des Spaziergängers, denn in diesem Wald bedeutet das Brummen der Motorsäge nicht immer, dass Bäume gefällt werden.

 
Kettensägenkünstler André Gudat © Selbermachen
Kettensägenkünstler André Gudat

Den schönsten Fernsehabend Schleswig-Holsteins können Sie unter freiem Himmel genießen. In einem Waldstück nördlich von Hamburg. Hier stehen ein Fernsehgerät samt Kommode und ein Sofa. Und alles wirkt auf ein wenig Distanz täuschend echt, garantiert. Die Motorsäge brummt, heult manchmal gequält auf und gleitet doch stetig immer weiter durch den gewaltigen Eichenstamm. Späne fliegen wie die Funken beim Feuerwerk, und noch 10m entfernt scheint die Luft von einem feinem Holzstaub durchzogen zu sein, der Luftröhre und Bronchien irritiert. Dennoch mag ich meine Position nicht verlassen und schaue weiter fasziniert zu, wie der Mann mit den Sägen dem Stamm eine vollkommen neue Gestalt gibt.

Mannshoher Eichenstamm© Selbermachen André Gudat hat das Herz, zwei „Händchen“, die Kraft und die Kreativität, um aus Holz mit der Motorsäge Kunstwerke zu schaffen. In Absprache mit dem Förster Hubert Bock ist so im August 2008 in der Försterei Hasselbusch bei Mönkloh nahe Bad Bramstedt ein Sofa entstanden, das mitten im Wald für Überraschung sorgt. Den beiden kam dieser Gedanke, als sie darüber nachdachten, was mit dem Holz einer großen Eiche ge- schehen könnte, die – vom Blitz getroffen – gefällt werden musste. Verkaufen lässt sich solch Holz nicht mehr, aber da im Wald ohnehin noch eine Sitzgelegenheit geschaffen werden sollte, entstand die Idee mit der Couch. André Gudat hatte zu dem Zeitpunkt schon bewiesen, dass er so etwas aus Holz zu zaubern versteht. Eine Nachbarin des Försters fand die Couchidee so gut, dass sie den Gedanken weiterent- wickelte. Man könne, so ihr Vorschlag, doch gleich ein ganzes Wohnzimmer in den Wald stellen. Die Blitzeiche stellte noch ein weiteres großes Stück von etwa 1,5m Höhe und etwa 65cm Durchmesser zur Verfügung – wie geschaffen für eine Kommode mit Fernseher!

Dem ersten Sägeschnitt geht die Begutachtung des Holzes voran. Die Lage der Risse ist wichtig, damit das „Kunstwerk“ nicht auseinanderfällt oder gerade dort einen unschönen Spalt aufweist, wo eine glatte Fläche sein sollte. An- sonsten arbeitet André Gudat ohne Entwurf – es genügt ihm seine Vorstellungskraft: „Nur bei Figuren wie Tieren und Menschen messe ich vor dem ersten Sägeschnitt die Proportionen aus.“ Hier, beim künftigen hölzernen Fernsehapparat genügt es, an einigen Stellen des Stammes Splintholz zu entfernen, um dann grob – ein Rechteck oben, ein Rechteck vorne – anzuzeichnen, wie das Gerät in den Baumstamm passt. „Grundsätzlich ist Eiche gut zu bearbeiten. Sie ist hart, lässt sich aber trotzdem gut schneiden und ihre Fasern sind so beschaffen, dass sie nicht ausfransen. Außerdem verrottet sie nicht so schnell.“ Unbehandelt dürfte der hölzerne Fernseher 10 bis 15 Jahre halten.

Zielstrebige Sägeschnitte© Selbermachen Schnitt für Schnitt arbeitet André Gudat sich an die Form des Fernsehers heran – zunächst frisst sich die Säge vorne gerade an der Front und an den Seiten herunter und schließlich in mehreren Stufen an der Rückseite. Gesägte, wie gefräst wirkende Rillen stellen den Lautsprecher dar, fein herausgearbeitet werden die Programmknöpfe. Dazwischen gibt es Phasen des Überlegens. Unbeweglich steht der Mann mit der Säge vor dem großen Holzklotz, während im Kopf die Umsetzung der Idee reift. Er lässt sich vom Holz führen, es gibt die Figur im Grunde vor.

Akteure sind neben André Gudat drei verschiedene Motorsägen: eine Stihl MS361 mit einer Schnittlänge von 37cm, eine Stihl046C (50 cm) und eine Husqvarna 339XP (30cm). Die schmale Umlenkung der spitz zulaufenden Führungsschiene der Husqvarna bewirkt, dass die Säge nicht so stark zurück- schlägt und filigranes Arbeiten möglich ist. „Verstand ist die Grundvoraus- setzung für das Herausarbeiten der Figuren, außerdem braucht man Gefühl für die Arbeit mit der Kettensäge und ein Auge für das Holz und die Möglichkeiten, die in ihm stecken“, sagt der Mann an der Säge.

Aus dem gewaltigen Holzklotz...© Selbermachen Ganz klar aber erkenne ich von meinem Beobachtungsposten aus, dass auch der Körper ge- fordert ist. So leicht die Sägen auch durch das Holz zu schneiden scheinen, die Anstrengung der Muskeln ist an der Körperhaltung des Künstlers abzulesen. Drei Sägen sind die Regel, bei einigen Objekten hat er auch schon mal fünf Sägen ein- gesetzt. „Einmal habe ich sogar mit 13 Sägen ‚gespielt‘“, erzählt er schmunzelnd. „Da habe ich mit einem Musiker versucht, mit den Kettensägen ein Musikstück einzustudieren – das klappte aber leider nicht.“ Das Gespür für Holz liegt dem 39-jährigen Forstwirtschaftsmeister im Blut. Auch sein Vater arbeitet in den Schleswig-Holsteinischen Landesforsten (AöR), und so war er von klein auf mit im Wald.

Er selbst begann die Ausbildung in der Forstverwaltung 1986, schloss 1999 auf eigene Faust die Ausbildung zum Forstwirtschaftsmeister an und ist seit März 2007 in der Försterei Kummerfeld in Bullenkuhlen als Ausbilder tätig. Im Zuge einer Organisationsänderung in der Forstverwaltung hat er ein neues Betätigungsfeld als Koordinator der sogenannten „mobilen Forstwirtgruppen“ gefunden. Auch die Kreativität scheint ihm in die Wiege gelegt zu sein. Wie sonst käme jemand auf die Idee, einem Freund zum Geburtstag ein Frühstück angeseilt in einer Baumkrone zu schenken? Vielleicht verdankt er sein Talent seiner Mutter, ei- ner Hobbymalerin. Dass er es bei der Arbeit mit Holz und Motorsäge nutzen könnte, ent- deckte er eher zufällig 1999 bei einem Besuch der Waldarbei- ter-Meisterschaften in Bayern. „Dort war auch ein Motorsägenschnitzer mit einem Stand vertreten.“ Gudats Erstlings- werk war eine abstrakte Eule.

...wird ein Fernseher heraus gesägt© Selbermachen Inzwischen gibt es schon ein richtiges Fotoalbum mit seinen Werken: Reiher, Adler, Wildschwein, Hahn, Frosch, ein Ferrari, der Dinosaurier des HSV – André Gudats Ideenreichtum ist noch lange nicht ausgeschöpft. Sein Prunkstück ist ein Schwan vor dem Sitz der Schleswig-Holsteinischen Landesforsten in Neumünster. Ob das Kunst ist? Er selbst ist zurückhaltend. „Vielleicht ist es eine Kunst, mit der Motorsäge umzugehen, aber die Figuren kann man nicht als Kunst bezeichnen.“ Inzwischen ist der Fernseher fertig und André Gudat arbeitet die Kommode heraus. Spontan kommt ihm noch eine Idee und flugs wird sie mit der Motorsäge umgesetzt – ein Häkeldeckchen auf der Kommode. Für ein Buch auf oder neben dem Fernseher reicht das Holz leider nicht.

Nach vier Stunden ist das Werk fertig© Selbermachen Nach rund vier Stunden sind Fernseher und Kommode bis auf Feinarbeiten fertig. „War es eine vergleichsweise schwierige Aufgabe?“, frage ich. André Gudat findet, die Arbeit an diesem hölzernen Kunstwerk sei eher entspannt gewesen, aber „eigentlich bin ich nie zufrieden. Wenn noch Holz vorhanden ist, dann korrigier ich durchaus noch mal am nächsten Tag.“ Kritisch betrachtet er sein Werk „Beim Fernseher“, zeigt er, „ist hier eine Seite zu schmal. Wäre er echt , würde er umkippen.“ Wenn er das korrigiert hat, wird der Fernseher mit einem Frontlader zum Sofa gebracht. Damit am Ende im Wald ein Wohnzimmer steht, sind noch eine Stehlampe und ein Tisch geplant.

SELBER MACHEN 03/2009

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