Lockpicking | SELBER MACHEN Heimwerkermagazin

Türschlösser

Lockpicking

Den guten Dietrich kennt man ja noch. Früher der Helfer in der Not, wenn hinter einem die Tür zufiel. Moderne Schließanlagen machten ihn zwar nutzlos, doch dafür ließen sie eine neue Sportart aufkommen: das Lockpicking.

 
Stiftschloss © Selbermachen
Stiftschloss

Mit der Miene eines Mannes, der gerade eine Bombe entschärft, führt Dr. Bölker das unscheinbare Werkzeug in das hochmoderne Sicherheitsschloss. Sachte bewegt er das Gerät hin und her. „Alles eine Frage des Gefühls“, erklärt er. Nach nur wenigen Sekunden hört man ein leises, aber doch triumphierendes „Und offen!“. Tatsächlich: Der Zylinder lässt sich drehen. Hätte das Schloss in einer Tür gesteckt, wäre sie jetzt offen. Das kleine Metallwerk ist allerdings in einen Schraubstock gespannt.

© SelbermachenEs diente nicht der Sicherheit, sondern nur Übungszwecken. Dr. Manfred Bölker ist zwölffacher Meister im Lockpicking – so nennt man das sportmäßige Öffnen von Schlössern. Seit fast zehn Jahren ist der Zahnarzt aus Hamburg Mitglied der „Sportsfreunde der Sperrtechnik- Deutschland e. V.“, kurz: SSDeV. Der Sportverein ist noch recht jung, er wurde 1997 gegründet. Seit dieser Zeit werden nationale Meisterschaften ausgetragen. Gründer und Präsident ist Steffen Wernéry.

Der 45-Jährige, der beruflich atombombensichere Zivilschutzräume wartet, fand schon als kleiner Junge Gefallen an der Herausforderung, die die kleinen Schließwunderwerke bieten. „Irgendwann fand ich heraus, dass das Ganze mit Gleichgesinnten mehr Spaß bringt“, so Wernéry. Die waren schnell gefunden, und die Idee, einen Sportverein zu gründen, wurde geboren. Ein Jahr lang feilte man an der Satzung herum, galt es doch auch, eine sinnvolle Wettkampfordnung auszuarbeiten. Dabei gab es weder im Innoch im Ausland Vorbilder. Hier in Hamburg wurde mit dem SSDeV Neuland betreten. Daneben sollten die Statuten auch sicherstellen, dass Zeitgenossen mit unlauteren Absichten keine Aufnahme finden. „Derzeit haben wir etwa 400 Mitglieder bundesweit, darunter auch Polizeibeamte. Der Unterschied zwischen Dein und Mein ist allen bekannt“, betont Wernéry.

Überhaupt werden im Verein keine Einbruchstechniken gelehrt oder geübt. Lockpicking ist eine Kunst, die Fingerspitzengefühl und viel Geduld erfordert. Straftäter bringen beides nicht auf und gehen fast ausnahmslos mit Gewalt vor. Dass Lockpicking nicht einfach ist, bestätigt Norbert Fischbach: „Seit fünf Jahren bin ich Mitglied und komme regelmäßig zu den Übungstreffen. Aber so richtig kann ich das immer noch nicht.“

Wer es aber einmal geschafft hat, mit dem sogenannten Hand-Pick ein Schloss zu öffnen, den lässt das nicht mehr los. Und so üben die Sportsfreunde unermüdlich ihre Fertigkeit, ob im Flugzeug oder in der Badewanne. Die Kunst dabei ist, mit einem dünnen, langen Blechwerkzeug, dem Pick, die Stifte im Zylinder richtig zu setzen. Und das geht nur mit viel Gefühl. Diese Handöffnung gilt als Königsdisziplin. Bei den Meisterschaften werden den Wettkämpfern aber noch andere Prüfungen abverlangt. So etwa die „Impressionstechnik“. Hier muss ein passender Schlüssel freihändig gefeilt werden, nachdem ein Abdruck des Schlossinneren mit Knetmasse genommen wurde. Doch egal welche Disziplin oder welche Technik, es geht immer um eines: das Schloss zerstörungsfrei zu öffnen. Und das wird gerade eisern trainiert. Denn die nächsten Meisterschaften finden bereits am 27. und 28. Oktober 2007 in Stuttgart statt.

Neben den Meistertiteln winkt dem „Sperrtechniker“ auch die Bewunderung von Freunden und Nachbarn. Und zwar immer dann, wenn diese sich selbst ausgesperrt haben. Oder einmal der Schlüssel für den Briefkasten oder das Fahrradschloss verloren ging. Sogar Handschellen mussten schon mal geöffnet werden. Die wurden allerdings nicht bei einer Polizeiaktion angelegt, sondern bei einer Party. Auf deren Höhepunkt gingen die Schlüssel verloren. Apropos Polizei: Auch sie profitiert von der Freizeitbeschäftigung: „Regelmäßig schicken wir dem Landeskriminalamt in Berlin frisch geöffnete Schlösser, die dort forensisch untersucht werden“, erzählt Wernéry. Mithilfe der dabei festgestellten Spuren konnte schon der eine oder andere besonders heikle Fall aufgeklärt werden.

  1. Gruppe© Selbermachen

    Gruppe

    **Volle Konzentration** Jeden Montagabend treffen sich die Sportsfreunde der Sperrtechnik und üben gemeinsam. Offensichtlich hat Lockpicking auch was Entspannendes.
  2. Präsident© Selbermachen

    Präsident

    **Der Präsident** Steffen Wernéry, Gründer der SSDeV, mit den Symbolen seiner Kunst: Werkzeugkoffer und Miniatursafe.
  3. Meister Bölker© Selbermachen

    Meister Bölker

    **Der Meister** Dr. Manfred Bölker. Das Erfolgsrezept des Zahnarztes: „Sechs Wochen vor dem Wettkampf höre ich auf zu arbeiten und übe täglich zwei bis drei Stunden.“
  4. Stiftschloss© Selbermachen

    Stiftschloss

    **Schnittmodell** eines modernen Stiftschlosses. Hier ist auch für den Laien das Zusammenspiel aller Teile gut zu erkennen
  5. Kopiermaschine© Selbermachen

    Kopiermaschine

    **Die professionelle Kopiermaschine** benötigen die Sportsfreunde natürlich nur für interne Zwecke. Wer viele Schlösser hat, der braucht auch viele Schlüssel.
  6. Handöffnung © Selbermachen

    Handöffnung

    **Die Handöffnung im Detail:** Im Zylinder befinden sich zwei Werkzeuge. Der gebogene Spanner bekommt durch den Zeigefinger leichten Druck. Der Pick wird wellenförmig hin und her bewegt.
  7. Modell durchsichtig© Selbermachen

    Modell durchsichtig

    Am Modell aus durchsichtigem Kunststoff lässt sich zeigen, wie sich eine zugeschnappte Tür wieder öffnen lässt.
  8. Schlossmodelle© Selbermachen

    Schlossmodelle

    Drei Modelle: oben ein Schloss von EVVA, das als Nonplusultra gilt.
  9. Picks und Spanner© Selbermachen

    Picks und Spanner

    Die Sportausrüstung für Fortgeschrittene: Picks und Spanner für alle Fälle.
Artikel aus selber machen Ausgabe 09/2011. Jetzt abonnieren!
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