Himmelfahrtskommando | SELBER MACHEN Heimwerkermagazin
Hubsteiger

Himmelfahrtskommando

Einmal will jeder hoch hinaus. Sei es um die alte Eiche zustutzen oder den Sturmschaden am Dach zu beheben. Dann mieten sich auch Selbermacher was Professionelles.

 
Hubsteiger © Ali Salehi
Hubsteiger

Sogar Wetterfee Claudia Kleinert hatte ihr ernsthaftes Gesicht aufgesetzt, und das bedeutet normalerweise nichts Gutes. Genau so war es über Nacht auch gekommen: Orkanböen, Landregen, umgestürzte Bäume, mehrere Hundert Feuerwehreinsätze binnen weniger Stunden. Leider hatte der Wind auch mit ungewohnter Leichtigkeit unter die schweren schwarzen Dachpfannen auf dem Hausdach gegriffen und ein halbes Dutzend davon in die Hofeinfahrt geschmettert.

Ein Loch klaffte nun im Dach, weit weg von der nächsten Dachgaube und in gut 12, 13 Meter Höhe völlig außer Griffweite. Keine Chance, da mit der Ausziehleiter aus dem Schuppen ran zukommen. Also wie ein Profi denken, was würde die Feuerwehr tun? Einen Hubsteiger holen. 16 Meter Teleskoparm, schwenkbarer Korb, 200 Kilogramm Traglast: Damit würde es keine 30 Minuten dauern, die fehlenden Dachpfannen zu ersetzen. Einen Anruf und 30 Minuten Anfahrt später stehe ich auf dem Hof von Mateco in Hamburg-Wilhelmsburg.

Eine ganze Armee von Lkw-Arbeitsbühnen wartet hieraufgereiht, einige Teleskoparme sind stolzauf 25 Meter ausgefahren, sodass man sie schon von Weitem sehen kann. 90 Meter Arbeitshöhe schafft das Top-Modell des Fuhrparks (das man aber nur mit Bedienpersonal mieten darf), mir reicht schon das Einsteigergerät: der LT 161 D mit maximal 16 Meter Arbeitshöhe. Den darf ich auch mit dem Pkw-Führerschein 3 beziehungsweise B fahren, wie mir Mateco-Mitarbeiterin Maja Harder am Telefon versichert hat. Kleiner wäre da nur noch eine Anhängerbühne, doch die will mir Einweiser Marcel Roesen nicht empfehlen: „Die Anhänger sind auf Leichtbau getrimmt, damit man sie mit dem Pkw ziehen kann, doch dadurch sind sie auch wackliger als die Lkw-Bühnen.“ Ein LT 161 D also. Der Papierkram ist so schnell erledigt wie am Airport-Schalter von Sixt: Führerschein, Unterschrift und 244Euro in cash für einen Miettag. Richtig abstützen ist das A und O Marcel Roesen weist mich als Neuling ein. „Motor starten“, doziert er im Führerhaus, „dann Gang raus, Kupplung drücken und den Hilfsmotor anlassen.“ Ein kleiner grüner Knopf startet den Hydraulikantrieb, der alle Arbeitsaggregate auf dem Lkw befeuert.

Es kann losgehen. Schritt eins: Abstützen. Hinter einer Seitenklappe liegen die vier Hebel für die Stützbeine versteckt, die Roesen voll ausfährt, bis alle Räder in der Luft hängen. Vorher durfte ich noch die Unterlegplatten aus Kunststoff aus den Halterungen ziehen und platzieren. „Sauber abstützen ist das A und O beim Hubsteiger“, erklärt Roesen und warnt: „90 Prozent aller Unfälle passieren, weil der Lkw nicht richtig abgestützt wird.“Leute lassen einfach die Stützplatten weg und vertrauen dem Asphalt. Doch schon eine Luftblase unter der Fahrbahndecke kann reichen, dass ein Stützbein einbricht und der ganze Hubsteiger kippt. Da hilft nichts mehr – für alles andere hat der LT 161 D so viele Sicherungen eingebaut, dass wenig schief gehen kann.

First Steps: Hubsteiger bedienen

  1. Hubsteiger-Stützplatten© Ali Salehi

    Hubsteiger-Stützplatten

    Egal ob Rasen oder Asphalt: Stützplatten müssen immer drunter.
  2. Hubsteiger-Bedienung© Ali Salehi

    Hubsteiger-Bedienung

    Rauf, runter, rechts, links: Marcel Roesen erklärt die Steuerung
  3. Hubsteiger-Bedienung© Ali Salehi

    Hubsteiger-Bedienung

    Bodenpersonal: Auch über die zweite Steuerung lässt sich der Hubarm bewegen.
  4. Stromanschluß© Ali Salehi

    Stromanschluß

    Volle Power: Die Steckdose liefert 230 Volt.
  5. Vertragsabschluß© Ali Salehi

    Vertragsabschluß

    Papierkram: Noch eine Unterschrift, und ich kann starten.
  6. Fahrer im Hubsteiger© Ali Salehi

    Fahrer im Hubsteiger

    König der Landstraße: Der LT 161 D fährt sich einfach.
  7. Rückseite eines Hubsteigers© Ali Salehi

    Rückseite eines Hubsteigers

    Nur mit Einweiser: rückwärts fahren
  8. Hubsteiger© Ali Salehi

    Hubsteiger

    Wichtig: Alle Stützen erst voll ausfahren, sodass kein Reifen mehr den Bodenberührt.
  9. Bedienung eines Hubsteigers© Ali Salehi

    Bedienung eines Hubsteigers

    Alles im Lot: Jetzt wird der Lkw mit Blick auf die Libelle exakt ausgerichtet.
  10. Sicherheitsgurt© Ali Salehi

    Sicherheitsgurt

    Auf Nummer sicher: Erst Gurt einhängen, dann loslegen.
  11. Hubsteiger© Ali Salehi

    Hubsteiger

    Sturmschaden behoben: Mit dem richtigen Gerät macht das sogar Spaß.

Eine Blackbox überwacht alles

Abstützen vergessen? Dann lässt sich der Teleskoparm gar nicht anheben, das verhindert ein Sicherheitsschalter. Er gibt die Arbeitsbühne erst frei, wenn kein Rad mehr den Boden berührt. Teleskoparm zu weit seitlich ausgefahren? Kann nicht passieren, eine Automatik verhindert, dass man den Korb über den Schwerpunkt schiebt und so das Fahrzeug zum Kippen bringt. Aus Höhenangst im Korb umgekippt? Auch kein Problem, ein Helfer kann den Ausleger auch von unten steuern. Kurz: ein Kinderspiel.

Und die Anfahrt? Wer je ein großes Wohnmobil gesteuert hat, den kann die fahrbare Arbeitsbühne nicht schrecken. Mit 2,15 Metern ist der Lkw nicht viel breiter als ein SUV, das einzig Ungewohnte sind die Länge von 6,80 Meter und der lange Überstand hinten. Also etwas Vorsicht beim Rangieren, in engen Kurven und beim Spurwechsel. Das teure Stück soll ja keine Kratzer abbekommen. Rund 70000 Euro kostet schon der kleinste Hubsteiger in der Anschaffung, große Modelle weit über 200000 Euro. Kein Wunder, dass alle Geräte mit einer GPS-Blackbox ausgerüstet sind, über die Mateco immer herausfinden kann, wo das Gerät steht oder fährt, ja sogar, wann es in Benutzung ist. Angekommen, passt der Hubsteiger nach ein paar eher ungelenken Rangierversuchen perfekt in die enge Hofeinfahrt. Da die Stützen genau in Wagenbreite ausfahren, braucht man auch dafür nicht mehr Platz. Ehe es mit den neuen Dachpfannen in den Korb geht, lege ich noch das Gurtzeug an.

„Das ist in Deutschland zwar nicht vorgeschrieben, aber ich empfehle es doch“, hatte Roesen gesagt, als er mir den Beutel mit der Ausrüstung in die Hand drückte.Ruhig schiebt der Arm den Korb zur Dachkante, noch ein kurzer Schwenk nach links, und ich kann die Dachpfannen einhängen. Bei den rund zwölf Metern Höhe schwankt der Arm kaum, ruckelt nur kurz, wenn ich ihn zur Seite drehe. Sicherer lässt sich ein Dachschaden nicht beheben. Der nächste Sturm kann kommen, ich weiß ja jetzt, wo ich mir Hilfe mieten kann.

So bedient man einen Hubsteiger

1. Länge machen: Mit dem ersten Hebel wird der ganze Arm auf- bzw. abgekippt. Eine Automatik verhindert, dass der Korb Übergewicht bekommt und das Fahrzeug zum Kippen bringt. Dann leuchtet auch das rote Warnlicht.

2. Höhe gewinnen: Der zweite Hebel fährt den Teleskoparm aus. Maximal 16 Meter schaffte unser Modell.

3. Einmal rundum: Mit Hebel drei bedient man das Drehgestell, das sich in beide Richtungen je 180 Grad bewegen lässt. Auch hier verhindert eine Automatik, dass der Wagen aus dem Lot gerät.

4. Korb kippen: Das ist praktisch, wenn man von oben oder unten arbeiten muss, z.B. beim Astschneiden.

5. Korb drehen: Mit diesem Hebel stellt man sich den Korb perfekt zur Arbeitsstelle ein.

6. Start/Stop: Wird der Korb längere Zeit nicht bewegt, kann man Motor und Hydraulikantrieb aus- und anschalten. Spart Sprit und ist vor allem leiser.

7. Not-Aus: Im Notfall stoppt der rote Knopf sofort die Hydraulik.

Leihschein Hubsteiger

Wozu brauche ich das?

Egal ob ein alter Baum ausgedünnt, eine Hausfassade gereinigt oder ein paar Dachpfannen ausgetauscht werden müssen: Für alle Arbeiten in der Höhe ist der Hubsteiger ideal. Viel sicherer als eine Leiter, besonders wenn man mit Werkzeug (Motorsäge) hantiert. Bei kurzen Einsätzen (ein bis zwei Tage) auch preislich günstiger als etwa ein Baugerüst.

Was kostet das?

Die Mietpreise beginnen inklusive Vollkasko-Versicherung bei rund 250 Euro am Tag, je nach Anbieter. Dazu kommen noch die Dieselkosten.

Was ist zu beachten?

Für größere Hubsteiger, ab circa 30 Meter Arbeitshöhe, braucht man einen Lkw-Führerschein. Bei den neuen Klassen (B/C1) reicht der Füh-rerschein B nur für kleine Hubsteiger (bis 3,5 t Gesamtgewicht). Ist der Platz am Einsatzort beengt, am besten einen Lkw mit Kontur-Abstützung nehmen, dann stehen die Stützen nicht seitlich vor. Immer mit Helfer arbeiten, er kann das Gerät im Notfall auch vom Boden aus steuern.

Welche Extras?

Gurtzeug zum Sichern ist zwar nicht vorgeschrieben, wird aber dringend empfohlen und schränkt auch nicht ein. Die meisten Lkw haben einen Stromanschluss für Arbeitsgeräte im Korb integriert.

Text: Peter Schmidt-Feneberg; Fotos: Ali Salehi

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