Küstenmotorschiff „Jan-Dirk“ | SELBER MACHEN Heimwerkermagazin
MS „Jan-Dirk“

Küstenmotorschiff „Jan-Dirk“

In der sprichwörtlich letzten Minute konnte das Küstenmotorschiff „Jan-Dirk“ vor dem Verschrotten gerettet werden. Seit nunmehr acht Jahren kümmert sich ein Verein liebevoll um den Erhalt des letzten seiner Art, des letzten „Weselmannes“.

 
Küstenmotorschiff © Selbermachen
Küstenmotorschiff

Ohrenbetäubender Lärm dröhnt über das ganze Schiff. Es ist ein pressluftbetriebener Nagelhammer, der große Plaggen von Rost und alter Farbe durch die Luft wirbelt. Lackschicht um Lackschicht wurde im Laufe der Jahrzehnte aufgetragen, um den Kahn zusammenzuhalten. Jetzt wird es Zeit für eine Generalüberholung. Und die findet gerade vor der Elbinsel Krautsand statt, inmitten einer der malerischsten Landschaften des Nordens. Der Mann mit Sicherheitsbrille und Gehörschutz am Nagelhammer ist Wasilli. Der gebürtige Kroate hilft seit kurzem als 1-Euro- Kraft auf der „Jan-Dirk“ aus. Das ist aber schon die ganze staatliche Unterstützung für den „Förderverein zur Erhaltung des Küstenmotorschiffes MS JAN-DIRK e.V.“. Männer am Steuerrad© SelbermachenSo gibt es nur eine Möglichkeit, dieses maritime Kulturdenkmal für die Nachwelt zu erhalten: selbst Hand anlegen. Das weiß keiner besser als Günter Meyer, der Vorsitzende des Vereins. „Watt wi könnt, datt mogt wi“, so Meyer im besten Plattdeutsch. Was man machen kann, ist entrosten, schleifen und streichen. Damit ist auch schon die ganze Freizeit der freiwilligen Helfer verplant. Denn seit das Schiff 1950 in Cuxhafen zu Wasser gelassen wurde, hat sich eine Menge Rost gebildet. Auch die Aufbauten aus Teakholz bedürfen einer gründlichen Überarbeitung, um ihnen ihre alte Schönheit wiederzugeben.

Seekarte mit Kartenbesteck© Selbermachen„Bei der Elektrik und den größeren Schweißarbeiten müssen wir aber passen“, so Meyer. „Das kann nur in einer Werft gemacht werden. Und das kostet Geld.“ Aber Geld ist, wie so oft, knapp. Die nötigen Mittel kommen einzig durch die Beiträge der etwa einhundert Mitglieder zusammen. „Ab und an bekommen wir auch Geldoder Sachspenden von Reedereien aus der Umgebung. So letztens vier Eimer Farbe und Verdünner im Wert von gut 480 Euro. Die verbrauchen wir gerade für den Laderaum“, erzählt Meyer. Sprachrohr auf der Brücke© SelbermachenDer Kapitän a. D. fährt seit seinem vierzehnten Lebensjahr zur See. Seit 2001 ist er im Ruhestand, doch ein Leben ohne Schiff unter den Füßen kann er sich nicht vorstellen. So kam es ihm sehr gelegen, dass vor zwei Jahren der Platz des ersten Vorsitzenden in dem 1999 gegründeten Förderverein vakant wurde. Was hier mit Sorgfalt und Sachkunde restauriert wird, ist kein Denkmal zum anschauen: Die „Jan-Dirk“ fährt immer noch und kann für Hochzeiten und Jubiläen angemietet werden. „Das Unterwasserschiff und der alte Dieselmotor sind absolut gesund“, schwärmt Günter Meyer. Und natürlich gibt es Radar und GPS an Bord. Um den alten Schiffsmotor zu bewundern, muss man hinab in den Maschinenraum.

Wir haben dieses Jahr sehr viel geschafft!

Matrosenpatent© SelbermachenDer Geruch nach schwerem Diesel und das Dröhnen des Kompressors für den Nagelhammer an Deck versetzen einen sofort in eine andere Welt. Eine weite Welt voller Abenteuer. Das gute Stück, das das Schiff seit mehr als einem halben Jahrhundert klaglos auf 8 Knoten Fahrt bringt, ist ein Deutz-Sechs-Zylinder mit 250 PS. Einen Nachteil hat die alte Maschine jedoch: „Pro Stunde schluckt der Motor 40 Liter Diesel“, klagt Meyer. „Von den 150 Euro, die wir von einer Partygesellschaft pro Stunde nehmen, bleibt da nicht viel übrig.“Dieselmotor-Schild© Selbermachen Direkt über dem Maschinenraum befinden sich die winzige Kombüse und die Unterkünfte für den Kapitän, den Steuermann und zwei Matrosen. Die Enge, der Lärm und der Gestank aus dem Maschinenraum machen gleich klar: Seefahrt bedeutet nicht nur Romantik, sondern auch Einschränkung.

MS Jan-Dirk© SelbermachenIn der Kombüse werden immer noch bei Veranstaltungen die Würstchen heiß gemacht. Bis zu fünfzig Gäste können mitfahren, so viele Rettungswesten sind am Bord. Auf dem kleinen Gasherd werden auch die „Klüten“ gekocht. So nennt man in Norddeutschland Mehlklöße. Sie sind fester Bestandteil des „Matrosen-Patents“ auf der „Jan-Dirk“. Dabei werden jedem Interessierten in 90 Minuten praktische und theotische Grundkenntnisse zum Thema Seefahrt vermittelt, für 8 Euro pro Person. Und nach bestandener Prüfung bekommt man eben dieses „Matrosen-Patent “ ausgehändigt. „Keine Angst, das ist ein Spaß für die ganze Familie. Selbst Landratten aus Bayern haben das geschafft“, erzählt Meyer.

Stahlwand anstreichen© SelbermachenBei schlechtem Wetter finden alle Veranstaltungen und Festivitäten im einstigen Laderaum statt. Mit einer Fläche von etwa 140 qm und einer Höhe von mehr als 4 m bietet er hinreichend Platz. Der Boden besteht aus Bengossi-Bohlen, die über die Jahre reichlich geschrumpft sind. Über sie zu gehen stellt eine Zeitreise dar. Löst man seinen Blick von dem alten Holz und lässt ihn über die Stahlwände schweifen, sieht man, dass auch hier noch viel Arbeit steckt. Etwa die Hälfte wurde abgeschliffen, was schon drei Wochen in Anspruch nahm. Hugo Ahlf ist gerade dabei die rostfreie Fläche mit Aluminium-Raumfarbe zu streichen. Hugo schleift die Tür© Selbermachen„Ja, es gibt hier ordentlich zu tun“, so Ahlf. Der Rentner ist seit drei Jahren Mitglied des Fördervereins und hat so eine neue Aufgabe gefunden. „Ich bin jeden Tag hier, und helfe, wo ich kann. Dieses Jahr haben wir wirklich sehr viel geschafft!“ Und wann wird man fertig sein? Ahlf: „Tja, wenn wir vorne fertig sind, dann müssen wir hinten wieder anfangen.“ Das ist wahre norddeutsche Gelassenheit. Klar ist auch, dass nichts so dringend benötigt wird, wie Sponsoren und beitragzahlende Mitglieder.

Stahlwand entrosten© SelbermachenSein Vereinskamerad Edgar Baumgarten sieht es positiv: „Verglichen mit dem Zustand von vor einem Jahr sieht man deutlich, was alles gemacht wurde. Das wird schon.“ Der Kapitän auf großer Fahrt hat diese Woche Urlaub und schaut nach dem Rechten. Mit zehn Jahren fuhr er das erste mal zur See: „Damals lernte ich auf dem Schiff von unserem Herrn Meyer. Vor allem Kartoffeln schälen.“ Veschmitzt schaut er zu Herrn Meyer, der mit ihm am Ruder lehnt.

Tür lackieren© SelbermachenUnd wie beurteilt der Fachmann den Zustand des Schiffs weiter? „Hier ist schon viel weiß gestrichen. Das ist für einen Seemann sehr wichtig, denn was sind seine letzten Worte? – Komm nicht an die weiße Farbe!“ Da kann man allen nur zweierlei für die Zukunft wünschen: Immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel und einen vollen Eimer weißer Farbe. Ahoi!

Kontakte:

Hugo an Deck© SelbermachenFörderverein zur Erhaltung des Küstenmotorschiffes „MS JAN-DIRK" e.V.

1. Vorsitzender: Günter Meyer, Telefon (0 41 43) 60 97

2. Vorsitzender: Thorsten Blohm, Telefon (0 41 43) 74 07

Kassenwart: Klaus Horwege, Telefon (0 41 48) 50 77

Internet: www.ms-jan-dirk.de

SELBER MACHEN 11/2007

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