Die Abbeizzentrale - So entfernen die Profis Lack | SELBER MACHEN Heimwerkermagazin
Abbeizen, Reportage

Die Abbeizzentrale - So entfernen die Profis Lack

Ob bäuerlicher Eichenschrank oder Biedermeier-Bilderrahmen, in Klaus Marquarts Abbeizzentrale am Rande des Teutoburger Waldes werden die Schätze von altem Lack befreit.

 
Die Abbeizzentrale © Selbermachen
Ein Besuch in der Abbeizzentrale

Mit einem Druck von 260 bar schießt das Wasser aus der Düse und bringt auf der Schranktür unter einer Schicht von Lack, Schmutz und Abbeizmittel die feine Eichenholzmaserung wieder zum Vorschein. Der Umgang mit dem Hochdruckreiniger erfordert viel Geschick und Erfahrung, um die kostbaren Stücke nicht zu beschädigen. Und beides besitzt Peter Wisgalla. Seit mehr als 19 Jahren arbeitet der 47-Jährige in der Abbeizzentrale.

Marquart (rechts) & Wisgalla© SelbermachenDie Arbeit ist laut und schmutzig, doch: „Sie ist abwechslungsreich“, so Peter Wisgalla. „Und ich liebe alte Möbel.“ Bevor der Hochdruckreiniger in Aktion treten kann, muss vorher jedoch die Chemie ihren Beitrag leisten. Auch hier findet sich noch ein herkömmliches Laugenbad, beeindruckende 3000 Liter einer 10%igen Kalilauge, die den Geruch von Gerbsäure ausströmen. Dieses Bad dauert zwischen einer und zwölf Stunden, anschließend sind auch die letzten Lackreste spurlos verschwunden. Eine verstopfte Nase kennt hier niemand. „Wir arbeiten aber immer mehr mit einer alkoholischen Paste, die frei von Lösungsmitteln und völlig ungefährlich ist“, so Inhaber Klaus Marquart. Und sie ist schonender für das Holz. „Durch die Lauge im Tauchbad bekommt besonders Eichenholz oft Windrisse, und später können Salzreste ausblühen“, weiß Klaus Marquart.

Scheinbares Chaos© SelbermachenDer Nachteil ist der höhere Preis für diese Behandlung. Die Paste kostet mehr als die Lauge. Auch ist der Aufwand groß. Jedes Teil wird von Hand mit der Paste eingerieben, Schränke müssen dazu in ihre Einzelteile zerlegt werden. Je nach Stärke der alten Lack- und Farbschichten beträgt die Einwirkzeit eine bis zwölf Stunden.

Nach der anschließenden Hochdruckreinigung mit klarem Wasser lässt man die Stücke langsam an der Luft trocknen, die schonendste Methode. Hat die Oberfläche Gnade vor dem Blick des Fachmanns gefunden werden die Möbel wieder zusammengebaut. Die viele Arbeit hat natürlich ihren Preis: Für das Abbeizen eines großen Schranks muss der Kunde mit 200 Euro rechnen.

Die Endbearbeitung der Holzoberfläche kann ein Restaurator übernehmen. Doch viele Kunden wollen ihre Schätze selbst aufarbeiten. Und was empfiehlt der Fachmann dazu? „Einfach wachsen“, meint Klaus Marquart. „dadurch wird das Holz geschützt und seine natürliche Schönheit kommt am besten zur Geltung.“ Doch kein Billigprodukt! Hochwertige Bienenwachspasten auf Terpentinbasis findet man im Bio- Baustoffhandel. So eine Schicht hält gut fünf Jahre, bevor sie erneuert werden muss.

Über zu wenig Kundschaft kann Klaus Marquart nicht klagen. Der Landstrich ringsum ist voll mit antiken Möbeln. Dennoch suchte der 53-Jährige schon vor acht Jahren ein zweites Standbein.

Abbeizen

  1. LaugenbadLaugenbad© Selbermachen

    Laugenbad

    Peter Wisgalla mit einem alten Bilderrahmen vor dem Laugenbad.
  2. Die alte HolzstrukturDie alte Holzstruktur© Selbermachen

    Die alte Holzstruktur

    Nach der Einwirkzeit lässt sich die gelöste Schicht von Schmutz und Lack bereits mit der Hand abwischen. Zum Vorschein kommt die alte Holzstruktur. Die Behandlung dauert nur 20 Minuten und ist so noch die preiswerteste Methode.
  3. Alkoholische PasteAlkoholische Paste© Selbermachen

    Alkoholische Paste

    Sorgfältig wird die alkoholische Paste mit dem Pinsel aufgetragen, um auch alle Fugen zu erreichen. Fehler zeigen sich erst später; dann muss die Prozedur wiederholt werden.
  4. Paste löst LackschichtPaste löst Lackschicht© Selbermachen

    Paste löst Lackschicht

    Nach einer Stunde zeigt sich bereits das Ergebnis. Die Paste löste die alte Lackschicht.
  5. Abstrahlen mit WasserAbstrahlen mit Wasser© Selbermachen

    Abstrahlen mit Wasser

    Das Abstrahlen erfogt mit kaltem Wasser.
  6. TrocknenTrocknen© Selbermachen

    Trocknen

    Das gute Stück trocknet in der Sonne. Holz und Metallbeschläge wirken fast wie neu.

Sein zweites Standbein fand Klaus Marquardt, der gelernte Großhandelskaufmann, im Handel mit historischen Baustoffen, als er sein altes Haus renovierte. Er stellte fest, wie schwer vieles zu bekommen ist und „fing an, systematisch aufzukaufen, was ich bekommen konnte.“

Mitlerweile besitzt er einen riesigen Bestand an alten Türen, Fensterrahmen, Beschlägen und Fliesen. Der Markt ist da. Wer authentisch renovieren will oder muss, wird auf originales Material zurückgreifen, nicht nur aus Prinzip. Denn Repliken sind meist qualitativ schlechter und kaum preiswerter.

Am gefragtesten sind Türbeschläge, die Klaus Marquart – schonend gereinigt, mit Patina und voll funktionsfähig – für 80 bis 450 Euro anbietet. Die meisten Stücke kauft er von Abbruchunternehmen. „Zu denen muss man erst mal Kontakt knüpfen und diejenigen finden, die nicht nur blind auf dem Bagger sitzen“, erzählt Klaus Marquart. Doch die Mühe lohnt sich. Immer mehr Besitzer alter Häuser wollen zum Erhalt des historischen Erscheinungsbildes ihrer Immobilie beitragen.

Türbeschläge

  1. Antike TürbeschlägeAntike Türbeschläge© Selbermachen

    Antike Türbeschläge

    Der Bestand an Türbeschlägen repräsentiert alle Stilrichtungen der letzten einhundert Jahre. Messing, Eisen, Horn und Ebenholz fanden Verwendung.
  2. KastenschlösserKastenschlösser© Selbermachen

    Kastenschlösser

    Einfache Kastenschlösser aus dem 19. Jahrhundert. Rechts im Zustand beim Ankauf, links nach der Reinigung.
  3. © Selbermachen

    Weitere Türbeschläge aus Gelbguss um 1900.

Service

Die AbbeizZentrale | Industriestraße 36 a | 49191 Belm | Telefon (0 54 06) 57 02 | www.dieabbeizzentrale.de

Artikel aus selber machen Ausgabe 07/2012. Jetzt abonnieren!
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