Urushi - die japanische Kunst | SELBER MACHEN Heimwerkermagazin
Baumharz

Urushi - die japanische Kunst

Objekte aus Holz, Papier oder Leder mit Urushi, dem Lack aus Baumharz, zu veredeln, ist eine jahrtausendealte japanische Kunst. Peter Zehmisch (51), Hamburger und Liebhaber edler, schöner Oberflächen, hat sich dem Urushi verschrieben – und den billigen Plastikimitationen den Kampf angesagt.

 
Peter Zehmisch © Selbermachen
Peter Zehmisch

Über dem Eingang zur Werkstatt prangt der Kopf eines Widders in Stein gemeißelt. Sein Arbeitsplatz liegt auf dem Gelände des ehemaligen Hamburger Schlachthofs, und Peter Zehmisch hat ihn sich eingerichtet. Der Schlachtereigeruch, der hier noch vor 20 Jahren die Luft des Schanzenviertels schwängerte, ist fast verschwunden. „Hier wird nur noch weiterverarbeitet“, sagt Zehmisch, der sich am Telefon immer mit Peter meldet. „Antik Stuhl Reparatur“ (www.antikreparatur. de) heißt die Firma, für die er arbeitet.

In Räumen mit fast 8 m Deckenhöhe hängen alte Stühle an Fleischerhaken an den Wänden und warten auf ihre Wiederauferstehung. Verschiedene alte Hölzer lagern in den trockenen Räumen. Peter Zehmisch passt mit seiner großen, kräftigen Statur gut in diese Räume und zum Ambiente des Schlachthofs. Er erzählt gerne – und er hat auch etwas zu sagen: Mit 16 ist er zur See gefahren und hat sogar das kleine Kapitänspatent gemacht. Und so klingen auch seine Geschichten von seiner heutigen Arbeit ein bisschen wie Seemannsgarn. „Gerne bin ich damals nach Asien gefahren. Die Menschen dort waren mir viel angenehmer als auf anderen Kontinenten.“

Da hat er auch die Urushi- Kunst kennengelernt. „Jeder kennt diese leichten Schalen aus Holz, die in schimmernden Tönen zwischen Schwarz, Rot und Gelb lackiert und oftmals mit in Gold gehaltenen Motiven verziert sind. Sie stehen in jedem Asia-Shop, sind heute aber meist aus Plastik. Die Arbeit mit Urushi lässt sich mindestens bis 6000 vor Christus zurückverfolgen“, erzählt er begeistert von dem Werkstoff. Lackieren© SelbermachenDie Eigenschaften von Urushi sind einzigartig, und chemisch ist der Lack aus dem Saft der Rhus-Bäume (Essigbäume) nicht nachzubilden. In Japan werden nur noch wenige Tonnen im Jahr gewonnen und verarbeitet. Doch nicht nur das macht Urushi so einzigartig und wertvoll. „Mindestens zwölf Arbeitsgänge braucht so eine Schale, nach oben hin gibt es keine Grenze“, erklärt Peter Zehmisch und legt seelenruhig eine glühende Zigarette auf eine edle Platte. Als er sie wieder aufnimmt, ist davon auf dem Lack nichts zu sehen. „Es gibt jahrtausendealte Werkstücke. Da ist vom Trägermaterial, Holz, Leder, Papier, so gut wie nichts mehr erhalten, nur der Lack.“ Für einen Arbeitsgang braucht der geübte Handwerker etwa eine Stunde. Er arbeitet mit feinsten Pinseln, die aus Menschen-, Katzen- oder Rattenhaaren gefertigt werden. „Die feinsten Pinsel wurden aus den Achselhaaren der Schiffsratte gefertigt. Die waren immer wohlgenährt, und ihre Haare laufen vollkommen spitz zu“, berichtet der Künstler mit leuchtenden Augen.

Holzkohle© SelbermachenUnter einer Lupe liegt eine vielfächrige Pillenbox – ein Inro. Diese mehrere tausend Euro teure Box restauriert er gerade für einen Kunden, allerdings nicht mit einem Schiffsrattenachselhaarpinsel, denn die gibt es seit der modernen Schifffahrt nicht mehr. In Deutschland leben vier bis fünf echte Könner im Umgang mit Urushi: „Die machen aber alle ein unheimliches Geheimnis daraus, wollen ihre Fähigkeiten einfach nicht weitergeben, streuen teilweise sogar gezielt Fehlinformationen. Das ist noch viel schlimmer als beim Schellackpolieren. Dabei macht es doch viel mehr Spaß, wenn man sich über Erfahrungen austauschen und sich gegenseitig helfen kann. Seit 27 Jahren bin ich ein Oberflächenfreak. Ich möchte das haptische Erlebnis mit anderen teilen.“ Immer wieder gibt Peter dem Besucher etwas in die Hand und freut sich, wenn die Schale nicht nur ehrfürchtig betrachtet, sondern auch berührt, gestreichelt wird. Nur wenige My ist der einzelne Lackauftrag dick und doch hält er nicht nur Laugen, Säuren, Wasser oder Hitze stand, sondern auch starker Benutzung.

Zum Trocknen bringt Zehmisch eine Schale, die er gerade frisch lackiert und dann den „ganzen“ Lack wieder runtergewischt hat, zu einer alten Truhe. Darin liegen feuchte Tücher sowie ein Hygro- und ein Thermometer. „Der Lack härtet nur bei einer Luftfeuchtigkeit von etwa 80% und einer Temperatur um 20°C aus.“ Später wird er das Gefäß mit 8000er Schleifpapier, spezieller Holzkohle und Hirschhornmehl bearbeiten. Jetzt geht er hinüber zu einer glänzenden Holzplatte, deren Maserung dreidimensional wirkt, und beginnt, das Werkstück erneut mit Schellack zu polieren. Peter Zehmisch hat einen Lackschaden – einen tollen. Und er gibt Kurse in ganz Deutschland, damit auch andere an seinem Wissen über Urushi und Schellack teilhaben – wenn er nicht gerade einen Stuhl verleimt oder einen Barockschrank restauriert, selbstverständlich mit zehn Jahren Garantie.

ANTIK STUHL REPARATUR www.antik-reparatur.de Sternstraße 68, 20357 Hamburg, Tel. (0 40) 41 49 82 19

  1. Urushi-ProdukteUrushi-Produkte© Selbermachen

    Urushi-Produkte

    Vom Rohling bis zur glänzenden Urushi-Schale: Bambus muss vor der Bearbeitung mit Urushi gründlich entfettet und entwachst werden, sonst hält der Lack nicht darauf. Eine Schale mit mindestens zwölf Urushi- Schichten kann leicht 300 Euro kosten.
  2. Urushi-WerkzeugeUrushi-Werkzeuge© Selbermachen

    Urushi-Werkzeuge

    Nicht nur die Urushi-Produkte sind kostspielig, auch die Werkzeuge. Ein Pinsel (Fude) kann bis zu 1000 Euro kosten, hält aber bei richtiger Handhabung und Pflege viele Jahre.
  3. kin mushikui nurikin mushikui nuri© Selbermachen

    kin mushikui nuri

    „kin mushikui nuri“ – „von Motten zerfressener Goldlack" heißt diese spezielle Lacktechnik. An der Beschichtung des Deckels dieser Dose war trotzdem mit Sicherheit keine Motte beteiligt.
  4. Gezieltes LackierenGezieltes Lackieren© Selbermachen

    Gezieltes Lackieren

    Peter Zehmisch arbeitet mit ruhiger Hand, superdünnen Pinseln und einem Lächeln auf dem Gesicht. Geduld und Ruhe sind das A und O: Macht er einen Fehler, muss er den Arbeitsgang umgehend wiederholen.
  5. Urushi-TubenUrushi-Tuben© Selbermachen

    Urushi-Tuben

    Urushi-Tuben aus China – hier wird inzwischen der Hauptteil des Urushi produziert, in Japan nur noch sehr geringe Mengen. Weitere Zutaten: einfaches Rapsöl aus dem Supermarkt sowie Holzkohle und Hirschhornmehl zum Polieren.
  6. PolierenPolieren© Selbermachen

    Polieren

    Peter Zehmisch vermittelt in Kursen nicht nur sein Wissen über Urushi, sondern zeigt Interessierten auch gerne, wie man Schellack poliert.
  7. SchalenSchalen© Selbermachen

    Schalen

    Die Mühen werden mit glänzenden Ergebnissen belohnt.
 
Artikel aus selber machen Ausgabe 12/2012. Jetzt abonnieren!
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