„Smart Home“ in Zeiten der Post-Privacy – Chance oder Bedrohung?
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„Smart Home“ in Zeiten der Post-Privacy – Chance oder Bedrohung?

Was im Roman „1984“ des Briten George Orwell, ein Experte für Propaganda-Techniken im Zweiten Weltkrieg, angeprangert und von der Gesellschaft einst als überspitze Zukunftsvision abgetan wurde, hat sich mittlerweile zur Realität entwickelt.

 
Die Technologie des „Smart Home“ in Zeiten der Post-Privacy – Chance oder Bedrohung? © pixabay.com © Pixaline (CC0)
Einfach und praktisch: Sämtliche Hausfunktionen lassen sich per Smartphone steuern

Seien es der Smart-TV mit eingebauter Kamera, die sprechende und allem zuhörende Puppe im Kinderzimmer oder elektronische persönliche Assistenten, die auf Gesprochenes in ihrer Umgebung reagieren und dem Benutzer Handlungsschritte abnehmen können, die digitale Überwachung ist im 21. Jahrhundert angekommen. Doch ist das jetzt eigentlich gut oder schlecht?

Eine modern ausgestatte Wohnung ist Luxus pur: Sie stehen morgens auf, setzen sich auf Ihre bequeme Couch und plötzlich spielt Ihr Radio flotte Musik zum Aufwachen und Ihr Kaffee wird schon automatisch zubereitet.

Was noch vor einigen Jahren wie pure Science-Fiction klang, ist heute, dank modernster Hausautomation, Standard geworden. Heutzutage können Sie mit der Technologie des „Smart Home“ fast Ihr ganzes Zuhause komplett wie von Zauberhand steuern lassen. Doch damit dies möglich ist, benötigen Ihre Geräte Daten. Was passiert eigentlich mit denen? 

Das Prinzip der intelligenten Vernetzung

Der Begriff „Smart Home kann als eine Art intelligente Vernetzung von zu Hause befindlichen Entertainmentsystemen, Haushaltsgeräten und Sicherheitsanwendungen verstanden werden. Eine derartige Vernetzung ermöglicht automatisierte Abläufe, die dazu dienen sollen, Haushaltstätigkeiten zu übernehmen.

Eine vernetzte Wohnung kann jedoch auch für mehr Sicherheit sorgen, indem beispielsweise die Beleuchtung oder der Rauchmelder von außerhalb des Hauses per Smartphone nachvollzogen werden kann.

Sämtliche elektrischen Geräte müssen daher Sensoren besitzen und Daten ermitteln wie Bewegungen, Gesprochenes oder Luftzusammensetzung etc., welche direkt per Funk oder Kabel an die „Smart Home Zentrale“ und von dort aus an Ihr Handy weitergeleitet werden.

Per App haben Sie dadurch Ihr vernetztes Zuhause stets zur Hand. Diese übermittelt Ihre Steuerungsbefehle an die „Smart Home Zentrale“, die wiederum Ihre Anweisungen an die einzelnen Geräte weitergibt. Die Zentrale erstattet Ihnen gleichzeitig Bericht, falls sich in Ihrem zu Hause etwas Ungewöhnliches zutragen sollte.

Einfache Installation für jeden Gebäudetyp 

Unabhängig davon, ob Sie eine Etagenwohnung, ein denkmalgeschütztes Gebäude oder einen Neubau bewohnen, grundsätzlich lässt sich jedes Heim intelligent vernetzen. Das liegt daran, dass die funkbasierte Technik „Smart Home“ bei der Einrichtung weder aufwändige Bohr- noch Verkabelungsarbeiten benötigt.

Eine derartige Vernetzung lässt sich jederzeit ohne Mühe auf- und abbauen. Der Einbau an sich sowie die Handhabung der Software sind kinderleicht. In der Werbung heißt es ferner: „Smart Home“ eigne sich für alle, denen mehr Energiesparen, Flexibilität, Komfort und Sicherheit im Alltag wichtig ist.

Was dabei jeweils von den Geräte-Herstellern ins Internet – auf dem Weg zu Ihrer App – übertragen wird, müssen die Hersteller prinzipiell dem Nutzer mitteilen. Schließlich hat in Deutschland jeder das Recht auf informationelle Selbstbestimmung und nach der EU-Grundrechte-Charta sind personenbezogene Daten sogar geschützt.

Heile Welt vs. Profitstreben

Klar ist: Wenn Sie die „Smart Home“-Technik verwenden, werden Sie von Ihren Geräten permanent überwacht. Und da Ihre digital gesteuerten Haushaltsgeräte schließlich auch kleine Computer sind, sollten Sie sich fragen, wohin Ihre Daten verschwinden und wer ansonsten noch auf sie Zugriff haben könnte.

Leider greifen manche Geräte mehr Daten ab, als sie dürfen. Manche Smart-TVs lassen heimlich die per USB angeschlossenen Festplatten ihrer Nutzer durchsuchen und schicken Inhaltsverzeichnisse zu ihren Herstellern zurück. Wer von Ihnen gehofft hat, dass Firmen durch den NSA-Skandal.

In ihrer Datensammelwut eingeschüchtert wurden, hat sich wohl getäuscht. Glauben Sie, dass Unternehmen wie Apple und Google Ihre Daten schützen werden, obwohl es ihnen doch gerade um diese Daten geht?

Wie Hacker Softwarefehler nutzen

Viele digital vernetzte Geräte befolgen fremden Progammbefehlen und lassen sich durch spezielle Software, die Fehler einzelner Geräte ausnutzen, beeinflussen. Ein Hacker berichtet: „Mich macht betroffen, dass die Daten irgendwie und an irgendwen weitergeleitet werden. Es gibt keinerlei Transparenz für den Kunden, von welchen Unternehmen, von welchen Personen und aus welchen Ländern auf die Daten zugegriffen werden kann“.

Somit verbreiten sich die Daten quasi unsichtbar über die Rechenzentren der Welt. Auf diese Weise können Daten also leicht gesammelt und weitervermarktet werden. Vielleicht werden Datenbündel zu einzelnen Personen bereits gezielt an Unternehmen und Versicherungen verkauft?

Der Bruch mit dem Grundgesetz

Auch wenn im Internet die sogenannte Marktortregel gilt, besteht folgendes Problem: Landen die Daten erst in den USA, wo die meisten Datenserver stehen, bleibt es – dank dem „Patriot Act“ – (http://pretioso-blog.com/was-man-ueber-den-usa-patriot-act-wissen-sollte/#.Wnm4IWtLFhE ) ungewiss, was mit Ihren Daten geschieht.

Das im Grundgesetz verankerte Recht auf informationelle Selbstbestimmung wird somit bewusst missachtet. IT-Experten wissen unter anderem: Sämtliche gesprochenen Worte, persönliche sowie sensible, können bei einer Benutzung von Geräten mit Spracherkennung registriert und an einen Drittanbieter weitergeleitet werden.

Es bleibt also die Frage: Wann hören unsere Geräte tatsächlich mit? Und wieviel landet davon in der Cloud?

Die Ära der Post-Privacy

In Zeiten der Post-Privacy-Debatte behaupten viele Nutzer, dass sie ja nichts zu verbergen hätten und stehen dieser Problematik daher eher indifferent gegenüber. Sie wissen: Wer am gesellschaftlichen Leben teilnehmen möchte, der muss sich zunehmend transparenter machen.

Das Internet ist zwar in der Lage, sämtliche Menschen miteinander zu verbinden – nach ihren Einstellungen, Präferenzen und Wünschen entsprechend. Dies geht aber nur, wenn ihm die Daten der jeweils Partizipierenden zur Verfügung stehen. Mehr noch: Die Überwachten kaufen sich heutzutage sogar selbst die Geräte für ihre Überwachung.

Und ihre üblicherweise großzügige Nutzung des Internets mitsamt freigiebiger Einstellung des Teilen-Wollens steht symptomatisch für eine datentechnische Selbstauslieferung. Das Post-Panoptikum lässt grüßen.

Die Zahl vernetzter Lampen, Rauchmelder und Thermostate wächst rasant. Auch Großkonzerne steigen ins Geschäft ein – nicht ohne Hintergedanken. Ferner ist es Hackern möglich, auf den gesamten Datenverkehr zuzugreifen.

Ist die von George Orwell gezeichnete Dystopie nun in Bezug auf die neue Technologie des „Smart Home“ Wirklichkeit geworden? Das hängt von Ihnen ab: Wer mehr Funktionen nutzen will, der muss auch mehr preisgeben.

Überlegen Sie sich also gut, welche Elemente Ihnen hierbei wichtig sind und fragen Sie sich außerdem, wem diese neue Technik eigentlich noch nützt! Weitere Informationen zur Technologie des „Smart Home“ und ihren Konsequenzen finden Sie in diesem Video der BR-Mediathek.

 

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