Mehr Power ohne Motor

Werkzeuge mit der Kraft des Hebels

Wenn der Hebel lang genug ist, kann man damit Berge versetzen. Getreu diesem Motto gibt es einige Werkzeuge, die auch ohne Motorkraft dem Heimwerker Bärenkräfte gegen festsitzende Schrauben und Co. verleihen.
 

 
Bolzenschneider © Pixabay
Das doppelte Scharniersystem des Bolzenschneiders (rot markiert) bringt wesentlich mehr Hebelkraft bei gleicher Länge als eine einfache Scharnierverbindung.

Jeder Handwerks-Azubi kennt den Spruch „Unglaublich ist des Meisters Kraft, wenn er mit dem Hebel schafft“. Zwar gilt bei praktisch jedem Handwerkzeug, dass dort in irgendeiner Form mit Hebelgesetzen gearbeitet wird – zumindest, wenn man dabei eine irgendwie geartete Drehbewegung ausführt. Bei vielen Werkzeugen ist das jedoch nur Beiwerk. Andere allerdings setzen verstärkt auf die unheimliche Kraft des Hebels, um damit brachiale Power freizusetzen, die weit über das hinausgeht, das der Mensch alleine durch Muskelschmalz leisten könnte. Die folgenden Werkzeuge sollten deshalb überall dort zum Einsatz kommen, wo es einfach „mehr Power!“ braucht.

1. Der Kuhfuß

Wenn ein Werkzeug einen ziemlich abstrus klingenden Namen besitzt, dann kann man in der Regel davon ausgehen, dass es schon eine sehr lange Geschichte hat, die über die Jahrhunderte reicht. Haargenau das ist beim Kuhfuß der Fall – etwas feiner als Nageleisen und oft aber falsch als Brech- bzw. Stemmeisen bezeichnet.

Primärer Sinn und Zweck dieses Ganzstahl-Gerätes ist es, selbst hartnäckigste Nägel, die tief und/oder verbogen/verrostet im Material stecken, noch mit der Kraft des Hebels herausziehen zu können. Dazu ist der Kuhfuß wie ein Fragezeichen gebogen. Am Ende der kurzen Biegung ist der Stahl zu einer keilförmigen Klinge abgeflacht, die zudem einen sich verengenden Schlitz für den Nagel aufweist (daher auch der Name, weil das Ganze etwas wie der Paarhuf einer Kuh aussieht).

Für den Heimwerker hat der Kuhfuß in den vergangenen Jahren besondere Bedeutung erlangt, genauer mit der Verbreitung von Möbeln aus Europaletten. Denn oft genug benötigt man davon nur Teile, muss die mit Druckluftnaglern zusammengesetzten, enorm stabilen Gebilde teilweise zerlegen – und das ist ein Kraftakt, den man ohne Kuhfuß gleich vergessen kann.

2. Der Winkelschraubendreher

Bestechend häufig sind Hebelwerkzeuge technisch sehr simple Gebilde. Da macht auch der Winkelschraubendreher keine Ausnahme. Besser bekannt ist er zwar als Inbusschlüssel, aber das wäre in etwa so, als würde man sämtliche Hammer-Bauarten als Schlosserhammer bezeichnen – also weit entfernt von korrekt.

Tatsächlich wäre es korrekter, von einem L-Schlüssel zu sprechen. Denn das ist bei den allermeisten Winkelschraubendrehern die Grundform. Ein einfaches Stahlstück (oft, aber eben nicht immer als Schlüssel für Innensechskantschrauben ausgeführt, daher auch die Inbus-Bezeichnung) wird im 90-Grad-Winkel so abgebogen, dass eine lange und eine kurze Seite entstehen, die beide als Werkzeugkopf ausgestaltet sind.


Die kurze Seite für maximale Kraftübertragung, die lange für schräges Schrauben. Viele Winkelschraubendreher sind regelrechte Kombiwerkzeuge.

Primär hat das den Vorteil, dass, wenn man die kurze Seite an der Schraube ansetzt, über den langen Hebelarm bis zu zehnmal mehr Kraft übertragen kann als mit einem normalen Schraubendreher. Gleichsam jedoch benötigt das Werkzeug auch weniger Platz, kann so auch an schwer zugänglichen Stellen eingesetzt werden. Doch es geht noch weiter: Dreht man es um, benutzt also die lange Seite zum Schrauben, bekommt man die überlegene Reichweite.

Außerdem: Manche dieser Schlüssel haben den Werkzeugkopf am langen Ende kugelig ausgeformt. Das entbindet den Benutzer von der Notwendigkeit, ihn genau senkrecht in die Schraube zu stecken. Mehr noch: Durch diese Konstruktion funktioniert der Winkelschraubendreher wie ein einfaches Kardangelenk, man kann also die ganze Zeit angewinkelt drehen, ohne ein einziges Mal umstecken zu müssen.

Zumindest ein Satz dieser Werkzeuge für Innensechskantschrauben gehört in jeden Werkzeugkoffer – und am besten auch noch einer für Torx-Schrauben. Tipp: Für die Hosentasche gibt es auch Schlüsselsammlungen, die wie ein Schweizer Taschenmesser an einem gemeinsamen Griff befestigt sind und nach Bedarf ausgeklappt werden können.

3. Der Drehmomentschlüssel

Die meisten Heimwerker dürften den Spruch kennen „nach fest kommt ab“. Bedeutet so viel wie jede anzuziehende Schraube hat ein Drehmoment, das man nicht überschreiten sollte. Doch gerade bei sehr starken Schrauben, die viel halten müssen (etwa Radschrauben bzw. -muttern am Auto) steht man vor zwei Problemen. Erstens muss man diese mit ziemlich viel Kraft anziehen, zweitens muss diese Kraft jedoch auf den Newtonmeter genau dosiert werden, damit die Schraube zwar optimal hält, aber nicht so fest ist, dass man sie nicht mehr händisch gelöst bekommt (Stichwort Reifenpanne am Straßenrand) bzw. durch das zu feste Anziehen überdehnt wird oder gar reißt.

An diesem Punkt zeigt ein Werkzeug, wie der mächtige Hebel auch ein sehr feines Werkzeug sein kann, beim Drehmomentschlüssel. Technisch gesehen ist es eine Ratsche/Knarre und nimmt auch die gleichen Steckschlüssel auf. Doch mit einem gewichtigen Unterschied: Beim Drehmomentschlüssel kann man ein bestimmtes Anzugsmoment einstellen. Durch den (im vergleich zur normalen Ratsche) sehr langen Hebelarm können auch große Momente übertragen werden – und erreicht man sie, gibt die Einstellmechanik des Schlüssels ein sattes Knacken von sich.

Tipp für Heimwerker: Den Drehmomentschlüssel trotz des Hebels niemals zum Lösen von (Rad-)Schrauben verwenden, die Kräfte wirken dann umgekehrt auf den Knack-Mechanismus, können die Eichung verstellen oder ihn gleich ganz unbrauchbar machen.

4. Der Bolzenschneider

Wenn der Hebel nicht genug Kräfte verleiht, reicht es in den meisten Fällen, ihn einfach zu verlängern. Etwa, indem man hinten auf den Griff einer Knarre ein simples Rohrstück aufsteckt. Doch es gibt auch Situationen und Werkzeuge, da würde das nicht ohne weiteres funktionieren. Bestes Beispiel, die klassische Kneifzange. Da deren Griffarme nur dann parallel stehen, wenn sich nichts zwischen den Zangenbacken befindet, würden die Griffe bei Verlängerung gemäß der Winkelgesetze irgendwann so weit auseinanderstehen, dass man sie nicht mehr mit einer Hand gepackt bekäme.

In diesem Fall ist es nun möglich, den einfachen Hebel zu verdoppeln. Genau das wird beim System des Bolzenschneiders gemacht (das auch bei langen Astscheren Verwendung findet). Dabei sind die beiden Hebelarme der Zange wie gehabt durch ein Scharnier verbunden. Dadurch werden jedoch die Schneiden nicht direkt bewegt. Die Hebelarme sind über ein weiteres Scharnier mit den Schneiden verbunden – doppelte Hebelkraft bei gleicher Länge.

Gerade beim Bolzenschneider ist diese Power aber auch bitter nötig, denn sein Einsatzzweck sind dicke Drähte (etwa beim Aufstellen von Streckgitterzäunen) oder auch Ketten, Nägel, Nieten – alles, was man andernfalls nur mit Säge oder elektrischem Winkelschneider bezwingen könnte.

5. Der Schraubmeißel

Bei den wenigsten Werkzeugen wird es empfohlen, die meisten Heimwerker (und auch genug professionelle Handwerker) tun es jedoch sehr häufig: Zweckentfremden. Da wird der normale Schlitz-Schraubendreher just wegen der flachen Spitze und der länglichen Bauweise sehr gerne als Hebelwerkzeug verwendet. Und solange man es nicht übertreibt, wird es diese Misshandlung auch klaglos wegstecken.


Bei normalen Schraubendrehern geht der Schaft nicht ganz durch den Griff. Das macht eine Verwendung als Hebel ziemlich zerstörerisch – fürs Werkzeug.

Doch oft genug leidet das Werkzeug darunter auch. Die Spitze verbiegt sich oder bricht ab. Oder aber am anderen Ende, wo der Schraubendreher-Schaft im Griff steckt, geht etwas schief – denn, weil das Werkzeug nur für axiale Drehbewegungen konstruiert wurde, geht der Schaft häufig nicht ganz durch den Griff und wird nur mit zwei dünnen „Flügelchen“ mit diesem verbunden.

Genau dafür wurde der Schraubmeißel erfunden. Von außen sieht er zunächst aus wie ein normaler Schraubendreher. Jedoch mit signifikanten Unterschieden. Der sichtbarste: Der Schaft geht durch den ganzen Griff und ist an dessen Rückseite offen zu sehen. Das ist deshalb wichtig, weil der Schraubmeißel dafür gedacht wurde, mit einem Hammer bearbeitet zu werden.

Oft genug sitzt auch unmittelbar unter dem Griff noch eine Aufnahme für Sechskantschlüssel – damit man mit deren Hilfe die Schraube via Schraubmeißel mit mehr Hebelkraft drehen kann. Die letzte Änderung ist unsichtbar: Die Metallzusammensetzung und Härtung dieses Werkzeugs ist eine andere als bei regulären Schraubendrehern, damit sie solche groben Behandlungen besser verdauen.  

 

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